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[zurück] Weimar Kultur Journal, Nr. 101 1998, Seite 21: WAS SCHERT UNS "TOPF UND SOHNE"?

Weimar Kultur Journal, Nr. 101 1998, Seite 21

WAS SCHERT UNS "TOPF UND SÖHNE"?

Am Anfang war eine Sternstunde zumindest regionaler Leuchtkraft Hartmut Topf, Journalist aus Berlin, stand im Büro des Europäischen Kultur und Informationszentrums in Thüringen (EKT). Irritierte Rückfrage: »Ja, genau, aus jener Erfurter Familie". Verständlich unsere Reserve, die sich jedoch schnell auflöste, als sich der Gast erklärte. Die Geschichte der Firma J. A. Topf und Söhne treibe ihn um. Er wolle wissen, wie sich eine ehrbare Erfurter Fabrikantenfamilie, die Familie seiner Vorfahren und Verwandte, ohne kriminellen Tatvorsatz in das größte Menschheitsverbrechen so verstricken konnte 50 daß auf alle Zeiten die Erinnerung an die Shoa mit den Großkrematorien aus dem Hause Topf verbunden bleibt.

Ein deutsches Thema also, angereichert um eine aktuelle Dimension - die Auseinandersetzung um die Rückübertragung der Liegenschaften des nachmaligen "Erfurter Mälzerei- und Speicherbau". Und eine deutsche Konstellation: Nicht die Geschichte ferner Fremder, sondern naher Bekannter, unserer Vorfahren, wird hier verhandelt. Unsere erste Annäherung an das Problem zeigte, daß genau diese Beunruhigung auch andere teilten. Als Hartmut Topf vor ungefähr drei Jahren über seine Familie sprach, war der Festsaal im Hause Dacheröden stehend voll.

Das imaginäre 120jährige Firmenjubiläum im August 1998 ist uns Anlaß das Problem weiter zu verhandeln. Eckhard Schwarzenberger legte das Projekt "Holocaust und die Moderne" vor, das er wie folgt begründet: "Die Moderne selbst hat produktiv und nicht aus Schwäche zum Holocaust beigetragen. Sie brachte die wesentlichen Faktoren zur Realisierung des Massenmordes ein: Rationalisierung des Handelns, Arbeitsteilung, moderne Bürokratie sowie Social Engineering. Diese Faktoren sind bis heute allgegenwärtig [...] Bei seinem Verhör antwortete Karl Schultze, einer der Ingenieure von Topf und Söhne, auf die Frage, warum er, nachdem er in Auschwitz gesehen hatte, was dort geschah, trotzdem seine Arbeit fortgesetzt habe: 'Wir standen in der Pflicht gegenüber der SS, der Firma Topf und dem NS-Staat.' Topf und Söhne steht für einen Teil unserer Vergangenheit, der nicht durch Denkmale, Zeremonien und Rituale zu befrieden ist."

Daß diese "Pflicht" über eine alltägliche Wertarbeit mit Arbeitsfleiß und gelegentlichem Frohsinn, wie die Festschrift von 1938 vermuten läßt, im Spannungsfeld einer vielköpfigen Belegschaft abgewickelt wurde, liegt nicht im Charakter des Produktes, sondern potentiell in der modernen Arbeitsteilung begründet. Wir sollten uns deshalb unserer Zivilisation nicht so sicher sein, so sie sich auf Effektivität reduziert.

Im Rahmen der 6. Tage jüdisch-israelischer Kultur des EKT stellt das Projekt "Topf und Söhne - Holocaust und Moderne" einen Schwerpunkt dar. Zwei Aspekte sollen vor allem bearbeitet werden: ein theoretischer, dem am 19. Oktober Zygmunt Bauman's (London) Vortrag "Holocaust und moderne Zivilisation" zuzurechnen ist, und ein "alltäglicher": Denn es steht die Frage, wie das theoretische Anliegen in das persönliche Geschichtserleben der nachgeborenen Zeitgenossen transformiert werden kann. Mit diesem Ziel werden z.B. Schüler der Erfurter Wilhelm-Hammann-Schule in einem ausgewählten Stadtquartier mit der Markierung jener Häuser beginnen, die die letzte hiesige Adresse vertriebener oder ermordeter Erfurter Juden waren. In einer Collage sollen Lieder und Texte vom 60jährigen Firmenjubiläum so verarbeitet werden, daß der Kontrast zwischen der banalen Alltagsfröhlichkeit und der Realität erschlossen wird. Jochen Spielmann bietet in einem Vortrag, der sich mit dem künstlerischen Umgang mit dem Holocaust befaßt, eine Rezeptionsreise, die geeignet scheint, Verständnisblockaden aufzubrechen. Die "Privatisierung" der Geschichte wird mit einem Podiumsgespräch fortgesetzt, an dem auch Hartmut Topf teilnimmt. In einer Schülerwerkstatt soll schließlich das Projekt enden, indem die Frage thematisiert wird: Was hat jene vorgestellte Geschichte unserer Großeltern mit uns zu tun?

Was schert uns "Topf und Söhne"?

Siegfried Wolf