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Thüringer Allgemeine, 27.07.02

Nicht alles in einen Topf. Förderkreis widmet sich dunklem Kapitel Erfurter Geschichte

von Inka Bach

Vor etwa zwei Jahren, bei einer meiner Lesereisen durch Thüringen, hatte ich das erste Mal von der Initiative zur Aufarbeitung der Firmengeschichte von "Topf & Söhne" erfahren. Und was sie über das Erfurter Unternehmen herausfand, ist erschütternd.

Seit Anfang der vierziger Jahre arbeitete "Topf & Söhne" mit der SS zusammen und stellte Lüftungsanlagen für die Gaskammern mehrerer KZs her, bald auch die großen Öfen mit mehreren Verbrennungskammern für das Vernichtungslager in Auschwitz-Birkenau. Dabei wusste man genau, was man tat. "Alle Anlagen wurden von hauseigenen Ingenieuren in den Lagern vor Ort installiert, gewartet und repariert." Einer der geschäftsführenden Ingenieure entwickelte sogar Verbesserungsvorschläge für die Tötungsmaschinerie. Die Firma hatte dabei vor allem das Interesse, an Staatsaufträge heranzukommen und die Konkurrenz auszustechen.

In den nächsten Monaten bin ich dann immer wieder in großen überregionalen Tages- und Wochenzeitungen auf ganzseitige Artikel über Ausstellungsprojekte und Diskussionsveranstaltungen des Förderkreises, der sich nun "Geschichtsort Topf & Söhne" nannte, gestoßen. Donnerwetter, dachte ich mit viel Respekt, da wird etwas gegen das Vergessen getan, und die Erfurter wurden mir noch sympathischer, als sie es eh schon waren. Dann kam ich für meine Stadtschreiberzeit nach Erfurt und hielt das engagierte Unterfangen für einen längst selbstverständlichen Bestandteil der wachen und mutigen Auseinandersetzung der Stadt mit dem dunklen Kapitel ihrer Geschichte. Dem ist aber offenbar nicht so. Es gibt zur Zeit einen Entwurf für einen Bebauungsplan des brachliegenden Geländes am Sorbenweg, in dem mit keinem Wort auf die Geschichte des denkwürdigen Ortes eingegangen und auch keine Nutzung zur Aufarbeitung, Erinnerung oder Dokumentation vorgeschlagen wird. Der Förderkreis aber setzt sich dafür ein, dass innerhalb des authentischen Betriebsgeländes eine Erinnerungs- und Mahnstätte errichtet wird, eine bleibende und lebendige Werkstatt für Wissenschaft, Kunst und Bildung im städtischen Alltag. Da inzwischen ein zweieinhalbjähriges Forschungsprojekt zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Firmengeschichte entstanden ist, kann mit einem profunden Ausstellungskonzept gerechnet werden, für das solch ein authentischer Denkort von großer, auch überregionaler Bedeutung wäre. Zur Zeit steht das Gelände leer und zerfällt, es ist hoch verschuldet und offenbar auch schadstoffbelastet. - Ein immenses Problem. Aber die jahrelange Arbeit, das hartnäckige Engagement des Förderkreises kann man bei der Planung nicht einfach übergehen.

Geschichte spricht uns dort besonders anschaulich und eindringlich an, wo sie sich lokal, konkret und mitunter schrecklich banal, bis zur Blümchentapete, darbietet. Man lernt aus historischen Details.

Übrigens werden die Mitglieder des Förderkreises nun auch noch als Hausbesetzer und Eierwerfer verunglimpft, obwohl sie mit derlei Aktionen nichts zu tun htten. Man sollte nicht alles in einen Topf werfen.