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Thüringer Allgemeine, 30.01.04 Reiben an der Geschichtevon Hanno Müller Seit Jahren ist die Industriebrache auf dem Gelände der Erfurter Krematorienbauer Topf & Söhne dem Verfall preisgegeben - nun wirbt erneut ein Konzept für die Einrichtung eines Geschichtsortes mit Raum für Ausstellungen und Veranstaltungen.Auf insgesamt zwei Jahre ist ein vom Bund finanziell gefördertes Forschungsvorhaben zur Geschichte der Firma J. A. Topf & Söhne an der Gedenkstätte Buchenwald angelegt. Entstehen soll aus dem Projekt eine Ausstellung, in der die Realgeschichte der Kooperation der Erfurter Krematorienbauer mit der SS konfrontiert werden soll mit der Perspektive der Opfer. Nach bisher gewonnenen Erkenntnissen, so die Gedenkstätte in einem Positionspapier, sei die Erfurter Traditionsfirma unter anderem durch ihr technisches Engagement in Auschwitz, wo man Krematorien und Gaskammern mit Öfen und Belüftung ausrüstete und diese auch selbst vor Ort installierte, zum Symbol für die Verstrickung der deutschen Industrie in den Holocaust geworden. Weder in West noch in Ost ist die Geschichte von Topf & Söhne bisher in dieser Form umfassend aufgearbeitet worden. Ermöglicht wird dies jetzt auch durch die Rückkehr der Firmenakten nach Thüringen (vgl. TA vom 16. August 2003). Schon jetzt haben Mitglieder der Familie Topf sowie andere mit der Firmengeschichte verbundene Personen zahlreiche Dokumente und Erinnerungsstücke für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Dem Erfurter Förderkreis freilich, der sich seit Jahren um Erhalt und Nutzung des 30 000 Quadratmeter großen Geländes zwischen Sorbenweg und Rudolstädter Straße bemüht, ist das nicht genug. In der Landeshauptstadt präsentierte man in dieser Woche einmal mehr eine Konzeption, die vor allem auf den authentischen Ort setzt und diesen für Erinnerungsarbeit erschließen will. Wer verhindern wolle, dass die Erinnerung an den Holocaust ausgelöscht wird, müsse dafür Sorge tragen, dass Überreste und Spuren, wie sie sich etwa in Erfurt finden, nicht aus dem Blickfeld verschwinden, so das siebenseitige Papier. Auf dem Unternehmensgelände könne sich Erfurt an einem bedeutenden Teil seiner Stadtgeschichte reiben und zugleich wegweisend für die Erinnerungskultur in Deutschland sein. Zumindest bei der Präsentation auf dem Erfurter Anger am Dienstag schien es so, als könnte das Anliegen diesmal mehr Gehör finden. Gegenüber dieser Zeitung kündigte Erfurts Oberbürgermeister Manfred Ruge seinerseits eine Ausstellung im Stadtmuseum an, welche die verachtende Maschinerie der Vernichtung von Menschen dokumentieren solle. Auch hinsichtlich des Geländes gäbe es Bewegung, verbunden mit Überlegungen der Stadt, was man erhalten wolle. Man sei da, so das Stadtoberhaupt, von den Bestrebungen des Förderkreises also gar nicht so weit weg. Derartige Beteuerungen hat es freilich immer mal wieder gegeben. Erinnert sei an eine Konferenz vor knapp fünf Jahren, als auch das Thüringer Kultusministerium ein Ohr für verschiedene Unternehmungen hatte. Die teils aufwendigen Ausstellungsentwürfe, die damals etwa von der renommierten Berliner Künstlerin Katharina Kaiser präsentiert wurden und das gesamte Gelände nebst Konstruktionssälen im Obergeschoss des Verwaltungsgebäudes in eine Art Täter-Museum verwandeln sollten, waren freilich reichlich hochtrabend. Inzwischen bäckt man kleinere Brötchen, Verwaltungsgebäude und Produktionshalle (und/oder Schmiede und/oder Schlosserei) sind freilich noch immer Gegenstand der Betrachtung. Dass jetzt auch die Stadt - auch eingedenk aller Schwierigkeiten etwa hinsichtlich ungeklärter Eigentumsverhältnisse - so mit im Boot zu sein scheint, hat freilich auch mit den Entwicklungen der letzten Jahre zu tun. Was der Erfurter Förderkreis auf die Beine gestellt hat, dürfte thüringenweit einzigartig sein. Zahlreiche Publikationen, Ausstellungen und hochkarätige Veranstaltungen wie etwa die ganzjährige Vortragsreihe "Was passiert mit der Erfurter Brache des Krematoriumsherstellers J. A. Topf & Söhne?" aus dem Jahre 2000 haben nicht nur Ernsthaftigkeit und Berechtigung der Bestrebungen immer wieder unter Beweis gestellt, sondern dem Anliegen auch zahlreiche prominente und gewichtige Fürsprecher verschafft. Dass das Gelände inzwischen sowohl Gegenstand vieler wissenschaftlicher Untersuchungen ist als auch durch die Bauhaus-Universität bauhistorisch katalogisiert wurde, dürfte in erheblichem Maße mit Ergebnis dieses Beharrens sein. Noch steht auch das neue Konzept nur auf dem Papier. Der Hinweis, dass sich etwa das Verwaltungsgebäude für Ausstellungs- und Dokumentationszwecke eignet und zudem Arbeitsräume oder eine Mediathek eingerichtet werden könnten, scheint so neu nicht. Doch steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein und der erneute Vorstoß ist allemal aller Ehren wert. http://www.topf-holocaust.de |