[Start]

[Aktuelles]

[Konzeption]

[Projekte]

[Texte/Beiträge]

[Publikationen]

[Bilder]

[Medienecho]

[Förderkreis]

[Kontakt]

[Links]

[Impressum]

[zurück] Frank Hiddemann: Deutsche Wertarbeit

Frank Hiddemann

Der Nimbus "deutscher Wertarbeit"

Der Neu-Erfurter Alf Lüdtke sprach in der Kleinen Synagoge über die Geschichte der Arbeit in Deutschland

"Wir wursteln nicht, wir denken und arbeiten!" So schreibt Ludwig Topf als Motto über ein Rundschreiben an seine Mitarbeiter. In diesem Brief betont er, daß der Qualitätsgedanke für die Erfurter Firma Topf & Söhne keine Reklamephrase sei, sondern ernst gemeint. Qualität gehe im Zweifelsfalle immer vor Kostenersparnis.

Welche Blüten der Kult deutscher Wertarbeit in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts trieb, führte in dieser Woche der Historiker Alf Lüdtke vor. In der Vortragsreihe "Was passiert mit der Erfurter Brache des Krematorienherstellers J.A. Topf & Söhne?" sprach der neu an die Universität Erfurt berufene Leiter der Arbeitsstelle für Historische Anthropologie über Arbeit in Deutschland.

Er erzählte die Geschichte eines deutschen Arbeiters, der frustriert aus den USA zurückkam und berichtete, dort sei die Arbeit so festgelegt, daß man selbst zu einem Rädchen werde. Das war in Deutschland nicht so. Der Prozeß der wissenschaftlichen Durchdringung von Arbeitsprozessen war in den USA viel weiter fortgeschritten als in Deutschland. Während dort Arbeitsteilung (Taylorisierung) und Massenproduktion mit Fließfertigung (Fordismus) durchgesetzt waren, herrschte in Deutschland noch eine handwerklich geprägte Arbeitswirklichkeit.

Sie ließ den Arbeitern relativ große Handlungsspielräume und erforderte Kompetenzen, die durchaus nicht nur mechanisiert und stupide waren. Besonders die Produktion im Erfurter Betrieb Topf & Söhne bestand 1933, als der oben erwähnte Brief abgefaßt wurde, weitgehend aus Einzelfertigungen von Mälzerei- und Speicheranlagen sowie großen Verbrennungsanlagen für Krematorien.

Die Tradition des korporierten Handwerks im kaiserlichen Deutschland hatte zu einer spezifisch deutschen Rationalisierung geführt, die auch noch in der Zeit der Weimarer Republik eine verhältnismäßig große Beteiligung der Arbeiter an den Produktionsprozessen zuließ. Hier konnte ein Ethos deutscher Wertarbeit aufgebaut werden, das linke wie rechte Gruppierungen unterstützten und benutzten.

Alf Lüdtke zeigte eindrucksvolle Fotos aus linken Arbeitermagazinen, die den heilen, nicht kriegsversehrten Körper vor gleißenden Maschinen ins rechte Licht rückten. Auch die nationalsozialistische Propaganda konnte bei der Ehre der Arbeit ansetzen, etwa wenn der Leiter der Deutschen Arbeitsfront Robert Ley durch die Betriebe ging und Arbeitern die Hände schüttelte.

Daß auch bei der Produktion von Krematoriumsöfen für die Konzentrationslager Buchenwald, Auschwitz und Dachau gute Arbeit geliefert wurde, versteht sich von selbst. Bis hin zur eiligen Ausbesserungen bei Rissen im Schamott der Verbrennungsöfen - natürlich auf Kulanzbasis - engagierte sich die Erfurter Firma für den reibungslosen Ablauf der Konzentrationslagerbetriebe. Einer anonymen Feldpostkarte über ein Bombardement entnahm Lüdtke die Formulierung, hier sei "ganze Arbeit" geleistet worden. Das hieß: Alles wurde zerstört.

Frank Hiddemann