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Thüringer Allgemeine, 17.06.05

Mitwisser und Mittäter

von Hanno Müller

EIN GANZ NORMALES UNTERNEHMEN: Die Erfurter Firma J. A. Topf & Söhne bestand seit 1878. Unter Ludwig Topf (1863-1914) wuchs das Unternehmen vor dem ersten Weltkrieg zu einem der weltweit führenden Hersteller von Mälzereianlagen und Brauereien mit mehr als 500 Mitarbeitern. Später kamen der Dampfkessel-, Schornstein- und Speicherbau, Be- und Entlüftungsanlagen sowie - seit 1914 - Einäscherungsöfen für Krematorien hinzu.

Die Ausstellung über die Erfurter Firma Topf & Söhne, die heute im Jüdischen Museum Berlin eröffnet wird, kommt zu beunruhigenden Erkenntnissen über scheinbar ganz normale Deutsche im Dritten Reich.

Im Untersuchungsbericht der polnischen "Außerordentlichen Staatlichen Kommission zur Feststellung und Untersuchung der Schandtaten der faschistischen deutschen Eindringlinge und ihrer Helfershelfer über die ungeheuren Verbrechen der deutschen Regierung in Auschwitz" werden sie ausdrücklich mit genannt: Als "unmittelbar Ausführende der Verbrechen von Auschwitz" findet sich dort schon im Mai 1945 neben rund 50 Größen der Lager-SS auch der Name des "Vertreters der Firma ,Topf & Söhne´, Oberingenieur Prüfer". Doch obwohl dann auch bereits in den 50er- Jahren durch die Veröffentlichung belastender Dokumente die ebenso lukrativen wie skrupellosen Geschäfte der Erfurter Ofenbauer mit der SS offengelegt wurden, zeigten die Ingenieure keinerlei Reue. Prüfer, der mit anderen Topf-Angestellten im März 1946 von den Russen verhaftet und verurteilt wurde, bestritt zwar nicht, was er getan hatte, Schuldbewusstsein ließ er jedoch bis zu seinem Tod 1952 nie erkennen.

Verleugnung, Verdrängung, Rechtfertigung, die nachträgliche Stilisierung zum Opfer, schließlich der reibungslose Übergang zur Normalität und zur Wiederaufnahme der Produktion in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR - das sind einige der Reaktionen auf die Verstrickung eines scheinbar ganz normalen Erfurter Unternehmens ins KZ-Geschäft und in den Holocaust, mit denen sich die Sonderausstellung "Techniker der Endlösung. Topf & Söhne - Die Ofenbauer von Auschwitz" ab morgen im Jüdischen Museum zu Berlin auseinandersetzt. Die in der Gedenkstätte Buchenwald entstandenen Tafeln kommen zu beklemmenden Erkenntnissen: Trotz vieler Vertuschungsbemühungen zeugen die zusammengestellten Dokumente von mehr oder weniger bewusster Mitwisserschaft und Mittäterschaft. Ingenieure und Monteure lieferten nicht nur gemäß den Anforde-rungen der SS die entsprechende Technik zur Beseitigung von Menschen - um sie zu perfektionieren und zu optimieren, waren sie aktive Beobachter der ersten Massentötungen und Verbrennungen. Aus weltweit gefragten Abfall- und Kadaververbrennungsöfen wurden so Beseitigungsanlagen für Menschen von gerade perverser Effektivität.

Für das Team um die eigens berufene Ausstellungsverantwortliche Annegret Schüle werfen die zusammengetragenen Befunde über die offenbar vorbehaltlose Zusammenarbeit von Topf & Söhne mit der SS ein beunruhigendes Licht auf die Deutschen im Dritten Reich. Weder die Firmeninhaber noch die beteiligten Mitarbeiter hätten dem Bild fanatischer Nazis oder radikaler Antisemiten entsprochen. Um mitzumachen, habe es offenbar ausgereicht, "dass Ausrottung und Massenmord staatlich gewollt waren, angeblich den Interessen Deutschlands dienten und dass es um technische Herausforderungen ging, die den Ehrgeiz der Ingenieure anstachelten". Das bittere Fazit: "Die Abwesentheit von Mitmenschlichkeit gegenüber den ,natürlichen Feinden´ der ,Volksgemeinschaft´ genügte für eine Mittäterschaft am Massenmord."

Die morgige Eröffnung der Ausstellung ist das Ergebnis einer mehrjährigen Konzeptions- und Forschungstätigkeit an der Gedenkstätte Buchenwald, für deren Finanzierung sich mit Carsten Schneider nicht zuletzt einer der jüngsten Bundestagsabgeordneten stark machte. Sie ist auch eine Würdigung all derer, die seit Jahren eine intensivere Auseinandersetzung anmahnten.