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Thüringer Allgemeine, 30.05.05 Aktiv: Seminar zu Gedenkort "Topf & Söhne"von Casjen Carl Dem einstigen ErfurterKrematorienhersteller Topf & Söhne - den Ofenbauern von Auschwitz - widmet sich ein Seminar an der Bauhausuniversität Weimar. Fragen der Architektur blieben dabei bislang aber weit im Hintergrund."Holocaust und Erinnerung - Gedanken für einen Geschichtsort Topf & Söhne". Gedanken? Erwartet ein Student von einem Seminar in Architekturgeschichte nicht mehr? Die Antwort von Simone Hain, als Gropius-Professorin für ein Jahr damit beschäftigt, scheint sogar ein klares Ja zu sein. "Am Ende soll eine Idee stehen", umreißt sie das Ziel. Jeder einzelne Teilnehmer soll seine Intention darstellen, wie die Bedeutung des Ortes dauerhaft gewahrt bleibt. Dass nicht unbedingt eine architektonische Umsetzung vorgegeben ist, liegt in der - auch für die Bauhaus-Uni ungewöhnlichen - metierübergreifenden Herangehensweise. Simone Hain ist Kunsthistorikerin, Christiane Wolf nähert sich dem Thema aus regionalgeschichtlicher Sicht. Mark Escherich bietet den Blick des Architekten. Wobei - der junge Mann arbeitet im "Förderkreis Geschichtsort Topf & Söhne" - keiner sein Gebiet abgegrenzt sehen will. Die Form öffne den Seminarteilnehmern aber auch die Möglichkeit, statt Modelle für Monumente oder Gedenkstätten beispielsweise Essays als Beschreibung der ganz persönlichen Idee für den Gedenkort vorzulegen. Wenig später benennt Monika Hain ein Ziel, das sich mit dem Lehrauftrag scheinbar noch weniger vereinbaren lässt. "Wir möchten gern Lokomotive sein und die Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte in Erfurt anschieben." Die Gründe liefert der Erfurter Mark Escherich nach: "Der spätere Betrieb war über Jahrzehnte eher positiv belegt." Aber kaum kein Wort davon, dass die Fabrik und Erfurt ein wichtiges Rad im Getriebe der Vernichtung von Millionen europäischer Juden im zweiten Weltkrieges waren. "Es geht darum, Merkzeichen der Schuld, des Verschweigens den Erfurtern zuzumuten", sagt die Professorin. "Zudem ist Topf & Söhne ein Paradebeispiel für die Verknüpfung von Wirtschaft und Holocaust." Dessen müsse man sich in Erfurt bewusst werden und aktiv damit auseinandersetzen. Etwas, was die Wissenschaftler - von der Arbeit des Förderkreises und Projekten an der Universität abgesehen - bisher vermissen. Quasi als Beleg dafür fügt Hain an, dass bisher noch offen sei, ob und wann die Ausstellung "Techniker der ,Endlösung´" in Erfurt zu sehen sei. Am Jüdischen Museum Berlin öffnet diese am 19. Juni, weitere Ausstellungsorte stehen bereits fest. Ein Termin für Erfurt ist nach wie vor nicht darunter. Und das, obwohl die Landeshauptstadt die Exposition übernehmen könnte - wenn sie denn einen Platz am historischen Ort dafür schafft. Ein Ort des Gedenkens sei aber nicht allein Thema für die Politik, sondern umso mehr für die Einwohner, zieht Simone Hain den Kreis weiter. Von den Aufträgen sei zwar während des Krieges nicht laut Propaganda gemacht worden, dass in der Stadt - also auch bei den heute älteren Menschen - zumindest Gerüchte über den Krematoriumsbau für Auschwitz bestanden, belegen allein Protokolle einer Betriebsversammlung nach dem Krieg. Dass an den eisernen Türen der KZ-Öfen das Topf-Signum prangte, spricht dafür, wie bewusst das Geschäft mit dem Tod gemacht wurde. Und das, obwohl der Umsatz mit den Auschwitz-Öfen nur zwei Prozent ausmachte. Auch wenn inzwischen Gebäude unter Denkmalschutz stehen, beklagt Mark Eschrich, dass die Stadt nach wie vor eine Vermarktung zumindest nicht ausschließt. Es bestehe ein Bebauungsplan für Gewerbeansiedlungen. "Was gewinnt sie, wenn sie die Fläche verkauft?" Die Studenten, die morgen das Gelände an der Weimarischen Landstraße erstmals inspizieren, werden ihre Blicke so nicht nur darauf richten, ob ein Monument, ein archäologisches Herangehen oder ein Museum dem Ort gerecht wird. Innerlich dürften sie auch einer Frage nachgehen, die erst die Grundlage für Entwürfe sein soll: "Wie funktioniert eigentlich Erinnerung?" Möglicherweise, so denkt Simone Hain laut nach, "suchen Studenten auch die Zusammenarbeit mit den Bewohnern des besetzten Hauses." Denn wenigstens diesen brenne das Thema auf der Seele. |