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TLZ, 30.01.07

Der Geschichte muss man ins Auge sehen

von Christiane Weber

Erfurt/Weimar. (tlz) Wer meint, Zwölftklässlerinnen fehle die notwendige Reife, um sich mit der berüchtigten Firma "Topf & Söhne" zu befassen, irrt. Sieben Weimarer Goethe-Gymnasiastinnen, die sich in einer Arbeitsgemeinschaft ein Jahr lang den Protagonisten des Erfurter Werkes widmeten, wo Verbrennungsöfen für Hitlers Konzentrationslager hergestellt wurden, beweisen das genaue Gegenteil. Behutsam angeleitet von Elke Deperade, Lehrerin für Geschichte und Geographie, suchten die Schülerinnen des Leistungskurses Geschichte zu ergründen, aus welchem Holz die Menschen geschnitzt waren, die sich mit dieser Idee verbündeten.

Das Wohl der Firma steht über allem

"Mädchen sind besonders engagiert", hat Elke Deperade erfahren, doch eigentlich war es mehr ein Zufall, dass keine Mitschüler an dem freiwilligen Projekt mitarbeiteten. Durch Theater mit szenischen Elementen erreicht man mehr Leute, erzählt Maria Dölle, warum man sich für diese Form entschied. Anlass zur tiefergehenden Auseinandersetzung mit der Thematik war ein Besuch der Ausstellung "Techniker der ,Endlösung´ Topf & Söhne - Die Ofenbauer von Auschwitz".

"Um Geschichte zu lernen, muss man der Geschichte ins Auge sehen", machten die Abiturientinnen sich einen Ausspruch von Steven Spielberg ("Schindlers Liste") zu eigen. "Wir erhielten sehr viel Info-Material, so dass wir uns ein Bild machen konnten", informiert Anne Schuchardt.

Aus Originaltexten historischen Dokumenten, Zeugen- und Verhöraussagen von Mitarbeitern der Firma "Topf & Söhne" entwickelten die Schülerinnen ein fiktives Gespräch, das durch einen Moderator, der in gewisser Weise die Nachkriegsöffentlichkeit verkörpert, geleitet wird. Die Gymnasiastinnen erfuhren, dass "das Wohl der Firma" über alles gestellt wurde (Firmenchef Ernst Wolfgang Topf). Dass "keiner Schuld hat", man sich vielmehr als "wichtiger Partner für die SS" (Ingenieur Kurt Prüfer) empfand. Dass "alles für das Ideal" (Prokurist Fritz Sander) gefertigt wurde. Sie erfuhren, dass alle sehr genau wussten, wozu die gelieferten Verbrennungsöfen in Auschwitz gebraucht wurden. Und dass alle dennoch ohne Skrupel ihrer Arbeit nachgingen.

In der fiktiven Gesprächsrunde schlüpfen die Schülerinnen in die Rolle ausgewählter Personen, die damals in der Firma Topf & Söhne arbeiteten. Eingebaut wurde auch die Rolle des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Henryk Tauber, der im fiktiven Gespräch als Zeuge auftritt. Die nüchternen Fakten gewinnen durch das szenische Spiel aufrüttelnde Kraft.

Wie weiter mit diesem Ort?

Gerade das ist auch Wunsch der Abiturientinnen, die ihre Projektarbeit nach ihrem Auftritt jüngst in der Gedenkstätte Buchenwald, am Freitag, 2. Februar, 19 Uhr, im Erfurter Theater "Schotte" präsentieren. Danach soll der Frage "Wie weiter mit dem Geschichtsort Topf & Söhne?" auf den Grund gegangen werden: Unter der Leitung von Rüdiger Bender, Förderkreis Geschichtsort Topf & Söhne, diskutieren die Schülerinnen u.a. mit Erfurts Kulturdirektor Jürgen Bornmann, und Volkhardt Germer, Vorsitzender des Fördervereins der Gedenkstätte Buchenwald.

! Technik ohne Moral: Projektvorstellung der Schülerinnen am Freitag, 2. Februar, ab 19 Uhr im Schotte-Theater, Schottenstraße 7; Karten unter Tel. 6431722 Foto: Maik Schuck