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Blick nach Rechts Februar 2000

Mord als Geschäft

Eine Erfurter Firma war Krematorienlieferant für Auschwitz. Zur SS wurden beste Beziehungen gepflegt

Als J.A. Topf 1887 in Erfurt eine Firma gründete, die sich vor allem auf industrielle Feuerungsanlagen spezialisierte, begann die keineswegs ungewöhnliche Betriebsgeschichte eines seriösen deutschen Unternehmens. Erfolge stellten sich bald ein, da man es verstand, Qualitätsarbeit erfahrener Fachkräfte mit Erfindergeist zu kopppeln. Als Topfs Söhne 1935 die Firmenleitung übernahmen, lautete der Betriebsslogan bereits: "Topf in alle Welt". Tatsächlich gelang es dem Thüringer Betrieb, feuerungstechnische Anlagen von Dampfkesseln bis Feuerbestattungsöfen bis nach Übersee zu exportieren. Die Produktion boomte.

Ob es der Ehrgeiz war, die Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen, Ergebenheit gegenüber dem braunen Regime oder ein anderer Grund, war noch nicht eindeutig zu klären: Fest steht, dass die Firmenleitung spätestens Anfang der 40er Jahre erkannte, der Bedarf an leistungsfähigen Leichenverbrennungsanlagen - eigentlich bei Topf & Söhne eher ein Nebenprodukt - würde in Deutschland bald ins Unermessliche steigen. Man war Insider genug, um zu wissen, wo da die Zuständigkeiten lagen, und bot sich der SS als Partner an.

Die erwies sich als gute Adresse. So entwickelte sich eine andauernde, für die Täter fruchtbare, für die Opfer tödliche Zusammenarbeit. Fassungslos liest man heute die Sprache der Dokumente darüber. Mit dem Gruß: "Stets gern für Sie beschäftigt, empfehlen wir uns bestens. Heil Hitler!", schließen die Topf-Söhne einen Brief an die Zentral-Bauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz-Ost - geschäftsmäßig, gefühlsfrei, als handele es sich um warme Wintersachen und nicht um Beihilfe zum Massenmord. Eine bloße Höflichkeitsfloskel? Ingenieur Karl Schultze antwortete bei einem Verhör auf die Frage, warum er die Arbeit nach dem, was er in Auschwitz sah, fortgesetzt habe: Wir standen in der Pflicht gegenüber der SS, der Firma Topf und dem deutschen Staat.

Sein Ingenieurkollege Fritz Sander meldete für die Firma im Oktober 1942 ein Patent für "kontinuierlich arbeitende Leichen-Verbrennungsöfen für Massenbetrieb" mit der Begründung an: "In den durch Krieg und seine Folgen bedingten Sammellagern der besetzten Ostgebiete mit ihrer unvermeidbar hohen Sterblichkeit ist die Erdbestattung der großen Menge verstorbener Lagerinsassen nicht durchführbar." Daher bestehe "der Zwang, die ständig anfallende große Zahl von Leichen durch Einäscherung schnell, sicher und hygienisch einwandfrei zu beseitigen".

Dieser Zwang veranlasste den für Krematoriumsbau und Gaskammerentlüftungsbau zuständigen Chefingenieur Prüfer, Montage und Wartung vor Ort in den Vernichtungslagern zu überwachen und auch manches Wochenende im Konstruktionsbüro - mit Blick auf den Ettersberg und das dortige KZ Buchenwald - an weiteren Verbesserungen zu tüfteln. Qualitätsarbeit wurde garantiert, auch bei dem noch 1945(!) an die USA gelieferten Krematorium.

Bei Topf wird eines der Phänomene sichtbar, die bis heute in der Holocaust-Forschung zu wenig Beachtung finden. Das Morden hatte den Charakter des Außergewöhnlichen, Unerhörten verloren. Es war "notwendiger" Bestandteil des Alltags, der gesellschaftlichen Mechanismen, geworden, eines Uhrwerks, das ohne Störung laufen musste. Dafür fühlte man sich auch bei Topf & Söhne als einem der Räder ganz selbstverständlich verantwortlich.

"Leichen-Verbrennungsöfen für Massenbetrieb"

Dutzende Fragen drängen sich auf. Es muss noch Zeitzeugen geben. Was sagen sie, haben sie Schuldgefühle oder sind sie stolz auf "deutsche Wertarbeit"? Was wußte man im Bertrieb und in Erfurt? Das Betriebstgelände mit der symbolischen Blickachse zum Glockenturm von Buchenwald existiert als "Industriebrache". Gewiss, das ist kein Platz der Opfer, sondern der Täter. Wie aber geht man mit einem solchen Erbe um? Ist ein Denkmal, ein mahnendes Kunstwerk vorstellbar?

Vor allem drei begannen in den letzten Jahren die Suche nach Antworten in Gang zu bringen: der Journalist Hartmut Topf, ein Nachfahre der Industriellenfamilie, der Kulturwissenschaftler Eckhard Schwarzenberger und der Franzose Jean-Claude Pressac, der über der Beschäftigung mit der Topfschen Firmengeschichte vom Holocaust-Zweifler zum Holocaust-Forscher wurde.

Seit 1997 hat sich ein Förderkreis des Themas angenommen, dem die Heinrich-Böll-Stiftung. Die Evangelische Akademie Thüringen, das Europäische Kulturzentrum und das DGB-Bildungswerk angehören. Kerstin Schnelle, Geschäftsführerin der Heinrich-Böll- Stiftung in Thüringen, beklagt aber, dass es bei all den vielen und erfolgreichen Bemühungen, die Öffentlichkeit zu interessieren, bisher wegen Personal- und Finanzmangel noch nicht gelungen ist, eine Befragung von Betriebsangehörigen und anderen Zeitzeugen zu organisieren. Diese Aufgabe ist so unaufschiebbar wie die stärkere Einbindung von Historikern.

Studienleiter Frank Hiddemann von der Evangelischen Akademie Thüringen setzt große Hoffnungen auf eine Vortragsreihe mit Politologen und Historikern, die der Förderkreis in diesem Jahr in der Begegnungsstätte Kleine Synagoge Erfurt veranstaltet. Sie soll am Beispiel Topf deutlich machen, dass zum Holocaust nicht nur die Mordmaschinerie der SS gehört, sondern der ganze Apparat von Schöpfern der Judengesetzgebung, über die Erfassung und Transport in die Todeslager bis zur "hygienisch einwandfreien" Leichenbeseitigung. Vor allem aber soll sie unter diesem Gesichtspunkt neue Zeichen für die Einbeziehung des Erinnerungsortes Topf-Gelände in die Mahnmalstopographie der Bundesrepublik setzen. Das ist umso notwendiger, als angesichts der Finanzsituation weder die Landesregierung noch die Stadt Erfurt Möglichkeiten sehen.