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[zurück] Heimat Thüringen, Juli 2000: J.A. Topf & Söhne - Eine Gedenkinitiative vor Ort in Erfurt

Heimat Thüringen Juli 2000

J.A. Topf & Söhne

Eine Gedenkinitiative vor Ort in Erfurt

Die Reißbretter, an denen die Ingenieure der Firma J.A. Topf & Söhne die Krematoriumsöfen für Auschwitz, Dachau, Buchenwald und andere Konzentrationslager entwarfen, stehen heute noch im Zeichensaal des Gebäudes am Sorbenweg. Zeichner brauchen Luft und Licht, und so ist der Saal im obersten Stockwerk des Hauptgebäudes untergebracht. Drei Seiten des Raumes bestehen aus Fensterreihen. Wenn man das dunkle Treppenhaus hochgestiegen ist, tritt man in einen lichtdurchfluteten Raum. Von hier aus hat man einen direkten Blick auf den Ettersberg. Der Turm der Mahnmalsanlage ist bei gutem Wetter mit bloßem Auge zu erkennen. Die Zeichner konnten, wenn ihre Gedanken abschweiften, einen Blick aus dem Fenster werfen und den Zielort der Ergebnisse ihrer Arbeit in Augenschein nehmen. Blickt man durch die Nordfront der Fenster, sieht man auf die Gleise des Hauptbahnhofes Erfurt, von wo aus sich Deportationszüge in Bewegung setzten.

Was bewegt ganz normale technische Zeichner sich am Projekt der Vernichtung der europäischen Juden zu beteiligen? Wahrscheinlich ist die Antwort auf diese Frage erschreckend banal. "Wir wursteln nicht, wir denken und arbeiten!", schreibt Ludwig Topf noch 1944 als Motto über ein Rundschreiben an seine Mitarbeiter. In diesem Brief betont er, daß der Qualitätsgedanke für die Erfurter Firma Topf & Söhne keine Reklamephrase sei, sondern ernst gemeint. Qualität gehe im Zweifelsfalle immer vor Kostenersparnis. Das Ethos deutscher Wertarbeit spielt eine große Rolle bei der Beantwortung von Fragen wie der soeben aufgeworfenen.

Die Firma Topf & Söhne baute lauter Solitäre. Wahre "Kunstwerke" der Krematoriumstechnologie wurden mit großer Kundennähe für die Auftraggeber hergestellt. Man montierte die Anlagen vor Ort und beseitigte Schäden auf Kulanzbasis. Man wird nicht sagen können, daß Profitorientierung die Motivation dieser Zusammenarbeit war. Der Anteil der Krematorienanlagen stellte 3-4% des Produktionsvolumens der Firma dar. Finanziell war man auf diese Aufträge nicht angewiesen. Es war schon eher der "Spiel- und Basteltrieb" des Chefingenieurs Kurt Prüfer, der in seiner Wohnung in Ingersleben in Freizeitarbeit den neuen Herausforderungen der Ofentechnologie Herr zu werden versuchte.

Genau diese Zusammenhänge sind es, die seit mehreren Jahren einer Gruppe von Einzelpersonen und Institutionen zum Anlaß geworden sind, über die "Markierung" dieses Ortes nachzudenken. Die Industriebrache der Firma Topf & Söhne verfällt seit 1994, als die letzte Nachfolgefirma, der Erfurter Mälzerei und Speicherbau (ems) seine Tore schließen mußte. Jetzt steht das Gelände unter der Verwaltung eines Gläubigerkonsortiums unter dem Vorsitz der Sparkasse Pforzheim.

Der Kulturwissenschaftler Eckhard Schwarzenberger (vgl. die abgedruckte Geschichte der Firma aus seiner Feder) hat das Verdienst diese Beschäftigung angeregt zu haben. Institutionen wie die Heinrich Böll-Stiftung-Thüringen und das DGB-Bildungswerk haben seine Initiative beherzt aufgenommen. Ein großes Spektrum von Aktionsformen wurde von der Initiative entwickelt. Tagungen, Schulprojektwochen, Theaterprojekte, Führungen auf dem Gelände und eine gute Pressearbeit rückten das innenstadtnahe Gelände in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Von Anfang an wurde die Zusammenarbeit mit der Stadt Erfurt, dem Land Thüringen, dem Denkmalschutz und den Kirchen gesucht. Aber das Projekt war schwierig zu realisieren. Das Gelände ist in Privatbesitz und nicht ohne weiters von öffentlichen Stellen in eigene Regie zu nehmen. Anfang 1999 wurde ein Förderkreis gegründet, der seitdem versucht, das Gelände für das öffentliche Gedächtnis zu gewinnen.

In diesem Jahr findet in der Erfurter Kleine Synagoge eine Vortragsreihe statt. Unter dem Titel "Was passiert mit der Erfurter Brache des Krematorienherstellers J.A. Topf & Söhne?" kamen die Erinnerungsexpertin Aleida Assmann, der neu nach Erfurt berufene Arbeitswissenschaftler Alf Lüdtke und der französische Laienhistoriker Jean-Claude Pressac nach Erfurt, um vorzutragen und mit dem Förderkreis zu diskutieren, was an diesem Ort realisiert werden kann. An jedem dritten Dienstag im Monat geht es weiter.

Wirtschaftsgeschichtler, Gedenktheoretiker, Sozialpsychologen aus ganz Deutschland interessieren sich für das, was mit dem historischen Ort in Erfurt passiert, der eine direkte Beziehung zu den deutschen Konzentrationslagern hat, aber kein Opferort ist. Wie kann hier ein Gedenken aussehen? Wie kann der Ort markiert werden? - Denn erinnern kann man sich nur an Markierungen, die das Gedächtnis setzt, führte Aleida Assmann aus.

Auch im Förderkreis besteht noch keine Einigkeit, welches die beste Strategie ist, den Ort dauerhaft wahrnehmbar zu machen. Die beste Lösung wäre natürlich die Gründung einer Institution, die sich der historischen Forschung oder der Erinnerungsarbeit widmet. Ein Museum der industriellen Beteiligung an der Massenvernichtung oder der Geschichte der deutschen Arbeit wäre denkbar, aber ist Zukunftsmusik. Als Sitz der von der Bundesregierung geplanten Zwangsarbeiter-Stiftung, die über ein Kapital von 0,75 Mrd. DM verfügen wird, ist das Topf-Gelände neben Orten in Weimar und Berlin ins Gespräch gebracht worden.

Als Minimal-Variante wird darüber nachgedacht, wie 3-4% des Firmengeländes, der prozentuale Anteil der Krematoriumsöfen an der Gesamtproduktion der Firma Topf aus dem Gelände herausgelöst werden können, um hier eine Markierung zu setzen, die dauerhaft an dieses dunkle Kapitel Erfurter Industriegeschichte erinnert.

Von Stadt Erfurt und Land Thüringen nicht ignoriert, sondern konzentriert gefördert, wird die Initiative versuchen, die Brache nicht stillschweigend in die Verwertungsgeschichte innenstadtnaher Gewerbegrundstücke verschwinden zu lassen. Dazu ist es notwendig, daß möglichst große Kreise der Erfurter Bevölkerung, also auch der lokalgeschichtlich Interessierten, für die Markierung des Ortes Partei ergreifen.

Der Stand der Initiative läßt sich leicht nachvollziehen, wenn man die Internet-Seiten http://www.topf-holocaust.de aufblättert. Dort sind Protokolle der Förderkreistreffen und wissenschaftliche Aufsätze zu finden. Auch der Kreis der beteiligten Institutionen und der geplanten Veranstaltungen sind dort einzusehen. Oder wenden Sie sich an mich: Frank Hiddemann, Evangelische Akademie Thüringen, Zinzendorfhaus, 99192 Neudietendorf, 036202-984-19.

Frank Hiddemann