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[zurück] Stadt und Geschichte, April 1999: Die Gegenwart der Vergangenheit - Fragen zu den Krematoriumsgeschäften der Firma Topf & Söhne

Stadt und Geschichte April 1999

Die Gegenwart der Vergangenheit

Fragen zu den Krematoriumsgeschäften der Firma Topf & Söhne

Von Eckhard Schwarzenberger

Das Fortwirken nationalsozialistischer Gedankengebilde und Wertevorstellungen und daraus resultierende Handlungen prägen seit Rostock und Mölln wieder unseren Alltag. Dies reicht von der öffentlichen Neu-Inszenierung faschistischer Haltungen bis hinein in die politische Debatte, beispielsweise mit dem Vorwurf eines erklärten Demokraten an den politischen Gegner, die Einführung der doppelten Staatsangehörigkeit zolle nur dem "irrationalen völkischen Fühlen" von Ausländern Respekt.

Auch die Firmen, die einst Zwangsarbeiter beschäftigten, bleiben den Prämissen ihres Metiers treu. In einer Art "Vorwärtsverteidigung" werden nach über 50 Jahren mit einigen Opfergruppen marginale Entschädigungszahlungen ausgehandelt, die weiterreichenden Forderungen auf der Basis der mit dem hinterzogenen Kapital erwirtschafteten Gewinne, zuvorkommen sollen.

War es diese ökonomische Logik, die in den 40er Jahren auch die Erfurter Firma J.A. Topf & Söhne zur Zusammenarbeit mit der SS veranlaßte? Das Unternehmen entschloß sich, neben seiner international anerkannten Rolle als Hersteller industrieller Spezialfeuerungen und Brauerei an lagen, Entlüftungsanlagen für Gaskammern und Krematoriumsöfen für Auschwitz, Buchenwald, Dachau und andere Konzentrationslager der Deutschen zu fertigen. Dokumente belegen den Konkurrenzkampf von Topf & Söhne mit der Berliner Firma Kori um die lukrativen Aufträge und bezeugen die im wirtschaftlichen Wettbewerb üblichen Praktiken. Dabei zeigt der Umsatzanteil aus den Krematoriengeschäften von weniger als drei Prozent, daß diese Aufträge für das Unternehmen keineswegs überlebenswichtig waren. Die Firma maß ihnen keine übergeordnete Bedeutung bei, sondern erledigte sie mit gewohnter Routine. Es gibt weder Hinweise dafür, daß Topf & Söhne sich Anordnungen "von oben" hätte beugen müssen, noch gaben sich die Firmeninhaber als fanatische Faschisten. Die "Chance", die sich dem Unternehmen bot und die es bei der Vergabe von Staatsaufträgen zu nutzen galt, zeugt viel eher von moderner Managementstrategie.

Dabei wußten die Mitarbeiter der Firma, was sie taten. Alle Anlagen wurden von hauseigenen Ingenieuren in den Lagern vor Ort installiert und repariert. Aus Eigeninitiative entwickelte Ingenieur Kurt Prüfer sogar Vorschläge zur Verbesserung der Tötungsmechanik. Karl Schultze, auch einer der Verantwortlichen, antwortete bei einem Verhör auf die Frage, warum er, nachdem er in Auschwitz gesehen hatte, was dort geschah, trotzdem seine Arbeit fortgesetzt habe: "Wir standen in der Pflicht gegenüber der SS, der Firma Topf und dem NS-Staat." Es liegt nahe, diese Antwort als Zeichen moralischer Korrumpiertheit oder Rationalisierung von Gewissenskonflikten einzustufen. Viel zu leicht gehen wir jedoch davon aus, daß Täter und Helfer ihren moralischen Codex erst einmal überwinden mußten, um Dinge tun zu können, die wir aus heutiger Sicht als unmoralisch und verwerflich ansehen. Was aber, wenn Schultze und die anderen im Einklang mit sich und dem gesellschaftlichen Konsens und damit tatsächlich ohne individuelles Schuldbewußtsein handelten, ja sich sogar für die "gerechte Sache" arbeiten sahen? Thematisiert die Geschichte von Topf & Söhne dann nicht gesellschaftstragende Strukturen und Grundlagen, die als Voraussetzungen dafür angesehen werden müssen, daß Menschen teilnahmslose oder sich gerechtfertigt fühlende Mithelfer und Mittäter wurden, ohne daß sie dabei ihre persönliche moralische Integrität verletzten?

Eine Auseinandersetzung mit Topf & Söhne kann so gesehen nicht die Einbettung der Firmengeschichte in den stetigen Fluß der Kulturgeschichte von Erfurt zum Ziel haben. Vielmehr sind wir angesichts der aufgeworfenen Fragen gefordert, unseren Gesellschaftsentwurf selbst kritisch zu begutachten. Hierzu gehören Fragen nach der Verantwortlichkeit des Einzelnen in einer modernen Gesellschaft, die Verantwortung in arbeitsteiligen und automatisierten Prozessen bis zur Unkenntlichkeit gespalten hat, Fragen nach dem Charakter persönlicher Entscheidungen von Menschen, die als Funktionsträger jederzeit ersetzbar sind (und gegebenenfalls auch ersetzt werden). Wie gehen wir heute, über fünfzig Jahre nach Auschwitz, mit der Erkenntnis um, daß Wirtschaft ganz offensichtlich weiterhin für jeden Zweck instrumentalisierbar ist? (Oder erweisen sich die Gesetze der Ökonomie am Ende gegen eine moralisch ethische Debatte sowieso als völlig immun?) Gibt es ungebrochen wirksame, strukturelle Bedingungen, deren Kontinuen aus den Tagen des Dritten Reiches (und davor) bis in unsere Gegenwart reichen und die Totalisierung und erneute Bedrohung von bestimmten Gruppen innerhalb unserer Gesellschaft begünstigen, ja möglicherweise selbst hervorbringen? Welche ethischen Maßstäbe haben wir in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit Holocaust und Krieg entwickelt?

Topf & Söhne gibt uns die Aufgabe, diesen Fragen nachzugehen. Dabei ist diese Firmengeschichte nur ein Beispiel von vielen. Und "wenn wir es nicht getan hätten, dann hätten es andere getan", lautet heute, zweifelsfrei richtig, der Kommentar eines ehemaligen Mitarbeiters von Topf & Söhne. Dies freilich, ist vielleicht die banalste, zugleich jedoch beunruhigendste Erkenntnis der Geschichte. Die Menschen, die bei Topf arbeiteten und von ihrem Mittun zur Massenvernichtung wußten, stammten aus der Erfurter Gesellschaft. Sie waren angesehene und erfolgreiche Bürger. Die Frage, was sie zu ihrem Handeln bewegt hat, sollte uns daher nicht ruhen lassen oder zu schnellen (abschließenden) Antworten bewegen. Denn die Vergangenheit lebt in der Gegenwart fort.