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[zurück] Thüringische Allgemeine, 19. Juli 2000: Erfinder, Gründer, Täter - Der französische Historiker Jean Claude Pressac eröffnete in Erfurt eine Vortragsreihe zur Familien- und Betriebsgeschichte von Topf & Söhne

Thüringische Allgemeine 19. Juli 2000

Erfinder, Gründer, Täter

Der französische Historiker Jean Claude Pressac eröffnete in Erfurt eine Vortragsreihe zur Familien- und Betriebsgeschichte von Topf & Söhne

Jean Claude Pressac ist ein Historiker der besonderen Art. Der gelernte Apotheker war einst ausgezogen, um seine Zweifel am Geschehen in Auschwitz durch Untersuchungen vor Ort zu untermauern. Was er fand, hieß ihn umdenken. Es war vor allem die Geschichte der Erfurter Mälzerei- und Ofenbauerfirma Topf & Söhne die den Franzosen nicht mehr losließ. In seinem Buch "Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des Massenmordes" erschienen 1993 in Paris, ein Jahr später auch in deutscher Sprache (bei Piper, Auflage vergriffen), hat er ihre Geschichte detailiert nachgezeichnet.

Es war ein Glücksgriff des Erfurter Arbeitskrelses "Topf & Söhne", den wahrscheinlich exzellentesten Kenner dieses Teils der Erfurter Industriegeschichte für die Auftaktveranstaltung einer ganzjährigen Vortragsreihe einzuladen. Während sich sein Buch vor allem auf die unmittelbare Zeit des Dritten Reiches konzentriert, tauchte der Pariser in der Kleinen Synagoge der Landeshauptstadt nunmehr tief ein in die Genealogie einer Familie deren unstrittiger Schöpfergeist sie schließlich doch zu Mittätern beim Holocaust werden ließ.

Danach begann die "Erfolgsgeschichte Topf" mit dem 1818 geborenen Andreas Topf, einem - wie Pressac es nannte - typischen Gründergeist und Erfinder. 1865 rief der sein erstes Unternehmen ins Leben, dass sich vor allem mit Heizungsinstallationen und Bierbrauerei beschäftigte. Das Kapital des Topf Großvaters, der seine wahre Berufung mehr und mehr auf den entsprechenden Gerätebau verlegte und 1877 schließlich die Firma Topf & Söhne gründete waren vor allem Patente auf von ihm entwickelte Verfahren zur rauchlosen Kesselfeuerung.

Ständig weiterentwickelt und vervollkommnet blieben sie die Basis für den Aufstieg, den das Unternehmen in den folgenden Jahrzehnten vollzog. In einer Zeit, da die Schlote allenthalben aus vollen Rohren qualmten, konnte sich die Familie bald vor Aufträgen nicht mehr retten.

Der Erfolg blieb dem Unternehmen auch unter Leitung der Topf- Söhne gewogen. Anfang des 20. Jahrhunderts exportierte man in über 50 Länder und verdiente dabei jährlich über 3 Millionen Goldmark. Für 1907 konnte Pressac allein 72 Kunden in Rußland ausmachen. Als die Städte nicht zuletzt aus hygienischen und Umweltgründen zunehmend darangingen ihre Toten vor der Bestattung einzuäschern waren die Erfurter als Ausrüster schon bald führend. Eigens dafür richtete man 1912 eine Abteilung "Krematorien und Verbrennungsöfen" ein. Wieder war es vor allem das Geheimnis der rauchlosen Verbrennung, dass Topf & Söhne der Konkurrenz voraus hatte. Der gute Stand der Firma auf den Märkten half ihr auch, Krieg und Wirtschaftskrise zu überstehen.

Die folgende Entwicklung hin zum Ofenbauer der KZ sei nach Ansicht Pressac's auch mit dem Wirken einzelner Ingenieure, vor allem mit dem des 1912 nach mehreren vergeblichen Anläufen in die Firma eingetretenen Kurt Prüfer verbunden. Der gelernte Maurer und Überlebende des Ersten Weltkrieges übernahm die Verantwortung für den Bereich Feuerung bei Topf.

Eigentlich, so Pressac, sei es schließlich nur folgerichtig gewesen, dass sich die SS mit ihren KZ-Aufträgen an den Erfurter Marktführer wandte. Ob dieser der Aufträge etwa für Krematorien und die Belüftung von Gaskammern in Auschwitz tatsächlich bedurfte, stünde freilich auf einem anderen Blatt. Letztlich habe das KZ-Engagement den fürs Überleben sicher unwesentlichen Anteil von 2 Prozent am Gesamtumsatz ausgemacht. Ganz und gar ohne Skrupel habe man sich zudem der Arbeitskraft von gut 300 Zwangsarbeitern bedient.

Die Frage nach Verantwortung und Schuld der Entscheidungsträger blieb im Raum stehen. Beantworten konnte sie sich jeder selbst. 

H. MULLER