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[zurück] Daniel Gaede: Was bedeutet das Spannungsfeld zwischen der Industriebrache Topf & Söhne und der Gedenkstätte Buchenwald für die pädagogische Arbeit?

Daniel Gaede

Was bedeutet das Spannungsfeld zwischen der Industriebrache Topf & Söhne und der Gedenkstätte Buchenwald für die pädagogische Arbeit?

Vortrag in der Kleinen Synagoge Erfurt, 19. September 2000 von Daniel Gaede

 

Gliederung:

    I Welche Bedeutung können Orte und Gebäude für die pädagogische Arbeit haben?
    II Mit Blick auf den Ettersberg: Ein Spannungsbogen zur Gedenkstättenpädagogik in Buchenwald
    III Wie weiter?
 

I Welche Bedeutung können Orte und Gebäude für die pädagogische Arbeit haben?

Im Frühjahr 1977 fuhr ich mit anderen zukünftigen Israel-Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste für eine Woche in die Gedenkstätte Auschwitz: Wir sollten zumindest etwas den Ort kennen lernen (durch Rundgänge, Gespräche mit ehemaligen Häftlingen und Erhaltungsarbeiten), dem wir in Israel wieder begegnen würden - in Form von Erinnerungen der Überlebenden, denen wir unvermutet auf der Strasse oder vorhersehbar im Rahmen des Dienstes in Altersheimen begegnen würden. Diese Vorbereitung war wichtig und hilfreich - unser Aufenthalt in der Gedenkstätte Auschwitz wurde von den Überlebenden auch als Beleg dafür verstanden, dass es uns ernst war mit der Auseinandersetzung mit ihnen, mit der Geschichte und mit uns selbst. Insofern ist der Bezug auf konkrete Orte eine wichtige Voraussetzung für eine Verständigung von Menschen etwa aus Deutschland, Israel und Polen - "Auschwitz" allein als Metapher benutzt kann diese Funktion nur sehr bedingt erfüllen.

Dort habe ich zuerst von der Firma "Topf & Söhne" gehört - von Auschwitz aus gesehen, spielte es keine Rolle, dass die Firma ihren Sitz in Erfurt hatte - es war einfach eine deutsche Firma, die wie andere mit ihren Produkten den Massenmord ermöglichte. Zugleich lag für uns Westdeutsche Erfurt in der DDR - weit entfernt und ohne Bezug zu unseren Herkunftsorten in Hessen, Berlin oder Baden-Württemberg, die wir mit wachsender Skepsis betrachteten: Wir ahnten sehr wohl, dass uns bislang bei weitem nicht alles erzählt worden war, was zur "Heimatkunde" aus der Zeit 1933 - 1945 gehörte.

Heute arbeite ich als pädagogischer Leiter in der Gedenkstätte Buchenwald, einem Ort, den Menschen in aller Welt kennen und mit ihren Erinnerungen und Geschichten verbinden. Unsere Arbeit zielt darauf ab, auf vielfältige Weise für die nachdenklichen Besucher Anknüpfungspunkte zu schaffen, die Ortsgeschichte zu vermitteln und Gespräche anzuregen, die für die Verwirklichung der Menschenrechte heute und - direkt damit verknüpft - für unser eigenes Handeln notwendige Orientierung bieten.

Dies passiert in zunehmendem Maße, und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass eine offene Auseinandersetzung mit Orten wie dem der Gedenkstätte Buchenwald offenbar Gespräche ermöglicht, die sonst nicht so ohne weiteres stattfinden. Ein Beispiel: Eine amerikanisch-jüdische Gruppe besichtigt ausführlich Buchenwald und trifft sich anschließend zum Essen in der Jugendbegegnungsstätte. Bei der Gelegenheit wird zunächst darüber gesprochen, wie sich die Weimarer Bevölkerung gegenüber den KZ-Häftlingen verhielt, wie Angst wohl auch dazu geführt hat, gegen eigene Überzeugungen zu handeln. Dann sprechen die ersten am Tisch von sich: So berichtet ein Teilnehmer, wie er Mitte der 60er Jahre nach Washington zu einer Anti-Vietnam-Kundgebung fahren wollte und daraufhin von seinem Chef mitgeteilt bekam, dass er dann fristlos gefeuert würde. Er blieb bei seinem Entschluss, weitere Mitarbeiter schlossen sich ihm an und keiner wurde auf die Strasse gesetzt. Noch andere Teilnehmer der Reisegruppe fangen an zu erzählen und es wird spürbar, dass es noch mehr offene Fragen gibt, über die man bislang in der Gruppe nicht gesprochen hat. Ich könnte weitere Beispiele nennen: Gespräche mit den zwölf Freiwilligen aus zehn Ländern, die im Weimarer Kulturstadtjahr in der Gedenkstätte gearbeitet haben, intensive Diskussionen zwischen chilenischen Lehrerinnen und Lehrern, Jugendlichen von der IG Metall aus Augsburg ... es ist keine Frage von Nationalität oder Generation, eher der Bereitschaft sich zu öffnen - der Ort und der Umgang mit ihm können so bei aller Belastung auch zu einem Austausch führen, den so schnell keiner vergisst.

Doch braucht man dazu spezielle Orte?

Die ehemalige Synagoge, in der wir uns gerade befinden, wurde von der jüdischen Gemeinde aufgegeben und als Lagerraum überstand sie - im Gegensatz zur damals neugebauten Synagoge - auch die Pogromnacht vom November 1938. Heute wird sie nicht mehr für Gottesdienste benutzt, gibt aber Gesprächen wie diesem einen Rahmen, der andere Akzente setzt als die Jugendbegegnungsstätte in Buchenwald oder der Zeichensaal der ehemaligen Firma Topf & Söhne: In diesem Raum über die Zukunft der Industriebrache zu sprechen, schließt unter anderem die Erinnerung an Juden ein, ihre Verfolgung und Vernichtung in der Vergangenheit ebenso wie die Angriffe auf ihre Gegenwart - und auch das hartnäckige Ringen einzelner, solche Häuser zu sichern als festen kulturellen Bestandteil der Kommune. Begrenzte Räume wie dieser können somit zeitliche und räumliche Dimensionen vermitteln, die weit über sie hinaus weisen. - Was dies hinsichtlich des erwähnten Zeichensaals im Einzelnen bedeuten könnte, möchte ich im letzten Punkt behandeln und zuvor über einen anderen Ort sprechen, der mit ihm korrespondiert: das Krematorium von Buchenwald.

II Mit Blick auf den Ettersberg: Ein Spanungsbogen zur Gedenkstättenpädagogik in Buchenwald

Führungen durch die Gedenkstätte Buchenwald enden meist nach eineinhalb Stunden am Krematorium. Während es zuvor für viele Besucher die herbe Enttäuschung gab, dass innerhalb des Lagerzauns keine Barackenstadt mehr steht, ist die Situation in dem alten, erhalten gebliebenen Gebäude des Krematoriums anders: In der Pathologie steht in einem Raum noch der Kacheltisch, im zweiten hängt grossformatig das Bild eines Leichenhaufens, den amerikanische Soldaten nach der Befreiung im Innenhof des Krematoriums aufgenommen hatten, daneben im Kleinformat eine historische Aufnahme des sauber eingerichteten Pathologieraums aus dem Photoalbum des zweiten Kommandanten Hermann Pister; im nächsten Raum wird der Massenmord durch einzelne Namenstafeln in Ansätzen fassbar, daneben - hinter einer Glastür - stehen über 700 entleerte Metallurnen, die vor drei Jahren unter dem Dach gefunden wurden, deren Inhalt - menschliche Aschereste - mit mehr als einem halben Jahrhundert Verspätung 1997 beigesetzt wurden. Im eigentlichen Ofenraum sind viele irritiert, dass die Metallteile der Öfen - inklusive des Firmensignums von Topf & Söhne - so frisch und neu aussehen (sie sind zum Schutz vor Rost gestrichen), andererseits haben sich auch schon Lehrer beklagt, dass gar keine Asche mehr in den Öfen liege und alles so sauber wirke. Zwischen den Öfen liegen immer wieder frische Blumen oder kleine Steine als Zeichen des Gedenkens; außen dann die Erinnerungstafel an Ernst Thälmann von 1953 und ein kommentierender Text von 1998, auch hier werden oft Blumen von Besuchern hingebracht. Im Keller der Leichenaufzug und die nachgebildeten Haken, die an die Ermordung von über 1100 Menschen im Bereich des Krematoriums erinnern, schließlich in einer ehemaligen Lagertoilette der Nachbau der sogenannten "Genickschußanlage", sowie ein alter Leichenbehälter, der zum Transport der ermordeten sowjetischen Soldaten vom Pferdestall außerhalb des Lagers hin zum Krematorium benutzt wurde.

Was bedeutet dieser vielschichtige, dichte Ort heutigen Besuchern?

Für die einen ist er Friedhofsersatz, weil die Asche meist irgendwo im Wald verkippt wurde und demzufolge keine Gräber für Blumen vorhanden sind, für die anderen ist es die erste direkte Konfrontation mit dem Tod (was entsprechende und gar nicht entsprechende Reaktionen auslöst), für dritte gibt es endlich etwas Greifbares, wo man Ofentüren bewegen und sich nach technischen Einzelheiten erkundigen will. Es gibt dann auch die Ausflügler, die eher den Ausgang als vertiefte Einsicht suchen, Einigen geht die Erinnerung an die eigene Jugendweihe durch den Kopf, anderen Gedanken an ermordete Angehörige. Eine Besucherin aus Zambia erzählte mir später, dass sie an die Knochenberge tausender Opfer denken musste, die sie nach dem Massenmord in Ruanda gesehen hatte. Sie bat mich zu verstehen, dass für sie nach dieser Erfahrung in ihrem Nachbarland die Zahl von 30.000 verbrannten Leichen nicht mehr sehr beeindruckend sei. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Sie meinte das nicht abwertend und sagte erklärend, dass sie eben keinen persönlichen Bezug zu den hiesigen Tätern und Opfern entwickeln könne, da sie keine der beteiligten Seiten näher kenne. Im Ofenraum sei in ihr allerdings Wut und Zorn darüber aufgestiegen, was Menschen sich gegenseitig, sich selbst und damit auch ihr antun: "We are all human beings", sagte sie, "why can´t we simply live together?!" (Wir sind doch alle menschliche Wesen - warum können wir nicht einfach zusammen leben?!")

Ich selbst weise Gruppen unter anderem darauf hin, dass diese Anlage zusätzlich dokumentiert, wie hier das Fachwissen der Ingenieure von Topf & Söhne zum wichtigen Bestandteil einer für Tausende von Häftlingen tödlichen Routine wurde, auch wenn diese Ingenieure nie selbst einen Häftling getötet haben. Natürlich taucht dann auch die Frage auf, was denn aus den Ingenieuren und der Herstellerfima geworden sei. Der Hinweis, dass das alte Firmengelände noch in Erfurt existiert, zum Verkauf steht und es Bemühungen gibt, zumindest Teile der Anlage für Seminarzwecke zu erhalten, löst regelmäßig Interesse aus: dieser Ausblick auf die Nachbarstadt Erfurt wird auch als Hinweis darauf verstanden, dass die Auseinandersetzung um Verbrechen und Mittäterschaft nicht nur in Buchenwald stattfindet - womit ich wieder in Erfurt wäre.

III Wie weiter?

Ich halte nicht viel davon, möglichst alles wieder mit Blick auf die Vergangenheit herzurichten. Schon heute ist es in der Gedenkstätte Buchenwald für einen Besucher nicht mehr möglich, sich an einem Tag alle Ausstellungen und das gesamte Ausmaß der wieder sichtbar gemachten Einrichtungen anzusehen. Dies ist aber auch nicht der Maßstab, vielmehr bietet die kontinuierliche Forschung und die weiter im Ausbau befindliche Palette von pädagogischen Angeboten in der Gedenkstätte Buchenwald die Chance zu vielschichtigen, differenzierten Programmen. Dabei zeigt sich, dass Andeutungen wichtiger sein können als ein Nachbau des Lagers: So ist bewusst nicht der gesamte Bahnhof wieder hergerichtet worden, sondern gerade ein Gleisstück mit Rampe und es genügt, um die Verbindung nach Weimar und ins ganze, damals besetzte Europa anzudeuten. Buchenwald ist keine Filmkulisse und es bleibt die Aufgabe, sich selbst ein Bild zu machen.

Ähnliches kann ich mir für das alte Firmengelände in Erfurt auch vorstellen. Ein allein auf die Vergangenheit bezogener Horizont beengt, es braucht einen Weitblick auf die eigene Gegenwart und Zukunft. Und genau dieser Weitblick ist es, der mich zumindest am meisten am Zeichensaal im vierten Stock das Verwaltungsgebäudes so beeindruckt hat: Die detailgenaue Arbeit am Zeichenbrett wird genauso präsent wie der Blick aus den Fenstern hinüber zum alten Lagergelände am Ettersberg. Diese Situation, angereichert mit genau recherchierter historischer Information, kann wichtige Impulse liefern, auch wenn auf dem übrigen Gelände abgerissen und in neuen Firmen nicht mehr an Zeichentischen, sondern an Softwareprogrammen gearbeitet wird. Wir brauchen eine auf größere Zeiträume als den täglichen Börsenschluss hin angelegte Reflexion über die Konsequenzen unseres Handelns und diese Reflexion braucht Räume wie diesen Zeichensaal. Sind Sie sich da nicht so sicher? Gehen Sie hin, ich war ebenfalls skeptisch und bin eines Besseren belehrt worden.

1977, als ich mit den anderen zukünftigen Israel-Freiwilligen in der Gedenkstätte Auschwitz noch im alten SS-Gebäude unweit vom Lagertor untergebracht war, gab es bereits die Idee, eine internationale Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim zu bauen. Heute existiert dieses Haus mit 120 Betten und ist gut ausgelastet, in der Stadt hat sich aus großer Skepsis zunehmend eine interessierte Nachbarschaft entwickelt und gerade jetzt ist eine polnische Jugendgruppe aus Oswiecim zusammen mit deutschen Schülern zu Gast in der Jugendbegegnungsstätte Buchenwald. Aus belasteter Geschichte kann auch ein fruchtbarer Boden für zukunftsweisende Projekte werden. Dies ist auch auf dem alten Firmengelände am Sorbenweg möglich und auch wenn es im ersten Moment paradox klingen mag - es wäre eine Bereicherung für diese Stadt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Daniel Gaede Gedenkstätte Buchenwald
99427 Weimar
Tel.: 03643 / 430 - 195, -200, Fax 430 - 102.
eMail dgaede@buchenwald.de