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Philipp Neumann: Grenzgänger zwischen zwei Generationen. Hartmut Topf und die Gedenkinitiative in Erfurt.I. VorbemerkungenSeit Anfang der 1990er Jahre ist die Geschichte der Firma J.A. Topf & Söhne in Erfurt und darüber hinaus immer mehr Menschen ins Bewusstsein gerückt. Dazu haben regionale Veranstaltungen und Initiativen entscheidend beigetragen. Auch das wissenschaftliche Interesse an der Auseinandersetzung mit diesem Thema ist in den letzten Jahren gewachsen. In Verbindung mit erweiterten Möglichkeiten der Quellenerschließung führte dies zu neuen Erkenntnissen über das Unternehmen, das die Krematorien von Auschwitz1 baute. Bei der Beschäftigung mit der Aufarbeitung, Aufklärung und Erinnerung an diesen Teil der deutschen Vergangenheit fällt ein Name besonderes auf - und das weniger weil ihn ein außerordentlich bekannter oder berühmter Mensch trägt; vielmehr ist es der Name selbst, der bekannt und berühmt ist. Er hebt sich deshalb von allen anderen ab, weil er derselbe ist, den auch die Erfurter Unternehmerfamilie trug. Aus der offensichtlichen Namensgleichheit und der Tatsache, dass von Hartmut Topf seit dem Beginn der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Erbe der Firma Topf & Söhne immer wieder die Rede war, ergibt sich die Frage, wer der Mann ist, dessen Engagement kaum übersehen werden kann. Ist es Zufall, oder verbindet H. Topf mehr mit der Unternehmensgeschichte als sein Nachname? In welchem Verhältnis steht er zu den Firmeninhabern und welche Beziehung hat er zur Geschichte des Unternehmens? Handelt es sich womöglich um einen direkten Nachfahren der Firmeninhaber während des Dritten Reiches? - Diese Fragen stellten sich mir, als ich erstmals im Zusammenhang mit den Erfurter Vorgängen von H. Topf hörte. Um diesen und weiteren Aspekten nachzugehen, regte Frank Hiddemann2 an, ein lebensgeschichtliches Interview zu führen. Ich lernte H. Topf zusammen mit meinem Kommilitonen Jens Thomas am Rande eines Pressetermins auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Firma Topf & Söhne kennen. Die Klärung des Verwandtschaftsverhältnisses gestaltete sich zunächst schwieriger als erwartet: "... Ich bin also der Sohn des jüngsten Sohnes vom Großvater Julius Topf ..."3 - etwa so versuchte uns der engagierte, junggebliebene Mitsechziger, der zuvor den Journalisten bereitwillig Rede und Antwort gestanden hatte, über das Verwandtschaftsverhältnis aufzuklären. Im Abstand von drei Monaten fanden dann zwei Interviews4 mit H. Topf statt. Zunächst hatte der Befragte ausführlich Gelegenheit, sich in einem narrativen Teil zusammenhängend und selbst strukturiert zu äußern. Danach stellte der Interviewer erste spontane Nachfragen. Auf Basis dieses Erstinterviews wurde ein Fragenkatalog erarbeitet, der als Leitfaden für das zweite diente, in dem H. Topf gezielte Fragen gestellt wurden und das somit eher als Zwiegespräch konzipiert war.5 Das Erkenntnisinteresse richtete sich zunächst auf die Klärung der äußerst komplexen Verwandtschaftsverhältnisse der Familie Topf und nahm später insbesondere H. Topfs Lebensgeschichte in den Blick. Ausgehend von der Frage nach seinen Motivationen, sich in Erfurt zu engagieren, war H. Topfs Sicht auf die Firmen- und Familiengeschichte ein weiterer Schwerpunkt. Darüber hinaus interessierten die Intentionen, die H. Topf bei seinem Engagement in Erfurt leiten und die Vorstellungen, die er bezüglich der Aufarbeitung und Erinnerung an die Beteiligung der Firma Topf & Söhne an den nationalsozialistischen Verbrechen hegt. Entsprechend diesem Leitmuster ist auch der vorliegende Beitrag gegliedert, wobei die Einordnung von H. Topfs Vita in ein Generationenmodell6 gleichsam als Verbindungsglied zwischen den einzelnen Schwerpunkten dient; gleichzeitig stellt sie einen Versuch dar, anhand individueller Prägungen H. Topfs spezifischen Umgang mit der Vergangenheit und sein Handeln in der Gegenwart besser zu verstehen. II. Ein Leben in vier deutschen StaatenKindheit in der VorstadtH. Topf wurde 1934 in Siemensstadt, einem Stadtteil von Berlin, als erstes Kind seiner Eltern geboren. Sein Vater lebte seit 1928 dort. 1932 hatte er die um elf Jahre jüngere Irmgard Hofmann, die Tochter eines Schneidergesellen aus dem Thüringer Wald, geheiratet. Sie zog nach der Heirat aus Erfurt zu ihrem Mann nach Berlin. Auch die Topfs stammten ursprünglich aus Erfurt, wo H. Topfs Urgroßvater, Johann Andreas (J.A.) Topf, 1878 eine Firma gegründet hatte, die sich auf den Bau von Mälzereianlagen, Schornsteinaufsätzen und industriellen Feuerungen spezialisierte.7 Da sich der geschäftliche Erfolg erst spät einstellte, war J.A. Topf bereits 70 Jahre alt, als die Firma zu florieren begann.8 Der Firmengründer beschäftigte zunächst auch seine vier Söhne im Unternehmen; als er 1891 starb, übernahmen zwei von ihnen die Firma: Ludwig und Julius Topf. Letzterer verließ 1913 per Trennungsvertrag das Unternehmen und starb 1914. Im gleichen Jahr starb auch Ludwig Topf, dessen Witwe Topf & Söhne bis in die dreißiger Jahre mit Hilfe von Kaufleuten und Technikern weiterführte, bis 1935 ihre beiden Söhne die Leitung übernahmen.9 Als jüngster Sohn von Julius Topf, der mit seiner Frau insgesamt neun Kinder hatte, kam Anfang 1900 Albert Topf zur Welt. Seinem Geburtsjahr nach gehört er zur "Kriegsjugendgeneration"10, die keine "Fronterfahrung" sammelte, aber trotzdem in einer für sie entscheidenden Sozialisationsphase den Ersten Weltkrieg erlebte.11 Diese Generation hatte ein widersprüchliches Verhältnis sowohl zu den Vorhergehenden, als auch zu den Nachfolgenden: das "Fronterlebnis", das ihre älteren Brüder geprägt hatte, versuchten die Jüngeren oft durch besondere Härte und Sachlichkeit zu kompensieren. Das unterschied sie sowohl von den "Frontkämpfern", als auch von den "Kriegskindern", für die eher die Nachkriegszeit eine entscheidende Prägephase war.12 In den 1920er Jahren studierte Albert Topf in Ilmenau Elektrotechnik. Er musste sich sein Studium teilweise selbst finanzieren, weil seine verwitwete Mutter während der Inflation Anfang der zwanziger Jahre ihr ererbtes Vermögen verloren hatte. Nach seinem Abschluss bekam Albert Topf eine Anstellung bei der Firma Siemens & Halske in Berlin, einem der damals weltweit führenden Elektrokonzerne. Das Unternehmen war im Verhältnis zu anderen weniger stark von der seit Ende der zwanziger Jahre herrschenden Weltwirtschaftskrise betroffen. Das wirkte sich auch positiv auf die Beschäftigten aus: Siemens besaß ein besonders gut ausgebautes System innerbetrieblicher Sozialleistungen.13 Albert Topf arbeitete zunächst an der Entwicklung von Schmalfilmkameras. Seine drei Kinder waren bevorzugte Filmmotive und Siemens führte die Aufnahmen auf Messen vor. Während des Zweiten Weltkriegs war er am Bau des "Hellschreibers", eines Fernschreibers, der von der Deutschen Wehrmacht benutzt wurde, beteiligt. Albert Topf wohnte ursprünglich in einer kleinen Laube in Siemensstadt, die er von Jahr zu Jahr vergrößerte. Anfang der dreißiger Jahren hatte er die Gelegenheit, ein Grundstück im Berliner Vorort Falkensee14 zu erwerben: Kurt Kreutzer, ein Ilmenauer Kommilitone, der ebenfalls in Berlin lebte, bot ihm, als er arbeitslos wurde, an, seine Parzelle zu teilen. Albert Topf nahm das Angebot an und baute auf dem Grundstück ein Einfamilienhaus, das die Familie Topf 1935 bezog.15 In Falkensee verbrachte H. Topf zusammen mit seinen beiden jüngeren Schwestern seine Kindheit und einen Teil seiner Jugend. Der etwa gleichaltrige Sohn des Nachbarn gehörte ebenfalls zu seinem Umfeld und Kurt Kreutzer selbst wurde für H. Topf zu einem Nennonkel. Nebenan lebte darüber hinaus ein Bruder von Albert Topf, Hans Topf, zusammen mit seiner Frau Berta, deren Tochter Hanni und Bertas Eltern. Hanni war älter als H. Topf, spielte Klavier und Orgel und gab ihm später auch Unterricht. Um die beiden Topf-Familien besser auseinanderhalten zu können, suchten die Nachbarn nach eindeutigen Namen: "... Nebendran wohnte schon der Onkel Hans, jener ältere Bruder mit seiner Verwandtschaft. Der hatte ein Holzhaus. Die Nachbarn pflegten uns dann zu unterscheiden, wenn man von Topf redete: 'Holz-Topf' und 'Stein-Topf'."16 Während des Zweiten Weltkriegs war diese Nähe hilfreich: "... Wir hatten uns einen Draht von Garten zu Garten gezogen, wegen der Fliegerangriffe, da konnte man dann auch mal schnell einen Telefonruf rüber machen: 'Hat es bei euch geknallt, oder bei uns? Sind die Sicherungen noch heil, oder brennt es im Dachstuhl?'"17 Die Nähe der Verwandten bot aber auch Konfliktstoff. "Der eine Bruder [Hans Topf] ist eben der Ältere, der die Welt gesehen hat, der in Amerika war. Und der andere [Albert Topf] war das Nesthäkchen, der also nichts weiter als 16 Jahre alt in Ohrdruf beim Militär sein Einjähriges abzuleisten [hatte], während des Ersten Weltkriegs. Um dann in Ilmenau am Technikum zu studieren und dann als achtundzwanzigjähriger nach Siemensstadt zu ziehen, in Berlin, und eine Laube zu beziehen, die allmählich größer wurde. Er war der Geradlinige und er rauchte nicht und trank nicht. Und Hans rauchte und spuckte und trank auch Alkohol. Und Hans sang zu Weihnachten fromme Lieder, Kirchenlieder, und seine Stieftochter studierte ja dann auch Kirchenmusik und wurde sogar Organistin. Und mein Vater deklarierte sich als 'gottgläubig'18, das war also die Naziformel für konfessionslos, jedenfalls nicht christlich. Er hielt die christliche Kirche für Humbug. Er war aber christlich getraut in Erfurt. Ich bin von uns drei Geschwistern noch getauft worden, die anderen beiden schon nicht mehr. Also solche Banalitäten, weißt Du, wenn Onkel Hans bei uns Weihnachtslieder sang am Klavier, dann machte mein Vater Grimassen hinter seinem Rücken und sagte: 'So ein Quatsch, so ein Humbug', nicht?"19 Neben den Berliner Familienangehörigen, Freunden und Bekannten, die zu H. Topfs unmittelbarem Umfeld gehörten, bestand auch noch Kontakt nach Erfurt: "... Ich bin oft in Erfurt gewesen, auch während des Krieges, bei meinen Verwandten ... [Ich] hatte hier also Onkels und Tanten von der mütterlichen Seite. Und von der Topf´schen Seite dann nur noch die Tante Agnes, die auch noch Topf hieß, die Kindergärtnerin, die etwas streng war und sehr schön Klavier spielte und mich zu ihren Klavierlehrerinnen schickte. [Da] hab´ ich auch was gelernt. Und die Tante Berta, also Borchard, und zeitweise Tante Rose [beides ebenfalls Schwestern von Albert Topf], die Anthroposophin, die in ihrem Leben oft den Wohnsitz wechselte, die in anthroposophischen Zentren zu Hause war, und so. Das war also die Topf´sche Verwandtschaft in Erfurt. Dazu natürlich die Kinder der Familie Borchard, die Zwillinge Dietrich und Traude und die etwas ältere Schwester Helga und dann später, sehr viel später dann deren Kinder ... Also Großmutter [die Witwe von Julius Topf], die starb `38, und kam aus dem Badischen, sprach Dialekt, und die Kinder [Albert Topf und seine Geschwister] sind in einem sehr freiheitlichen Elternhaus aufgewachsen - alle miteinander."20 "Und zu der Verwandtschaft, die diese Firma hier in Erfurt besaß, hatten wir so gut wie keinen Kontakt. Die Tante Agnes ging in den Park, weil da ein Schwimmbecken war, ein Planschbecken, und die Vettern ließen sich mal gemeinsam photographieren, als unsere Großmutter starb `38. Daher weiß ich, wie die anderen aussehen oder aussahen. Und den einen Sohn, der also in meinen Alter etwa ist, vom Ernst-Wolfgang [einem der beiden Inhaber von Topf & Söhne], den hab´ ich das letzte und erste Mal gesehen, da waren wir vielleicht vier Jahre alt. Also das ist sehr lange her."21 Die Angehörigen des Familienzweigs der Firmeninhaber hat H. Topf zwar nie bewusst kennen gelernt; trotzdem waren sie auf ihre Art prägend für seine Kindheit und weit darüber hinaus. Von Berliner Kindern wegen seines Namens gehänselt und als "Pisspott" und ähnliches beschimpft, war der Ruf der Erfurter Firma, deren Namen er trug, aus H. Topfs Sicht wesentlich besser: "Tja und ich war eigentlich in meiner Kindheit mit dem Namen Topf auch ein bisschen stolz, weil es hieß: 'Ja diese Firma ist berühmt, die ist weltbekannt und hat Weltruf und baut die höchsten Schornsteine' und so weiter. Wenn ich dann irgendwo mal so ein Firmenschild sah, dann hat mich das auch gefreut. Dann hab´ ich gesagt: 'Das sind unsere Leute, nicht?'"22 Der 1934 geborene H. Topf war zu jung, um den Aufstieg des Nationalsozialismus bewusst mitzuerleben. Auch der Kriegsbeginn 1939 dürfte für ihn kein entscheidender Einschnitt gewesen sein: sein Vater, für eine aktive Teilnahme am Ersten Weltkrieg zu jung, wurde auch im Zweiten Weltkrieg wegen seiner Tätigkeit bei Siemens zunächst nicht zur "kämpfenden Truppe" eingezogen.23 Die Familie lebte insofern in einer "kriegsuntypischen Familienkonstellation": H. Topf teilte zunächst nicht das Schicksal der meisten deutschen Kinder, deren Väter als Soldaten an der Front waren. Erst kurz vor Ende des Krieges änderte sich diese Situation: "... Am 20. April [1945], da wurde der Verschiebebahnhof Wustermark schrecklich bombardiert - wir konnten das von uns aus sehen, der Himmel war voller Rauchzeichen - und mein Vater ist dann mit `nem Fahrrad und einem Rucksack noch zum 'Volkssturm' geradelt ..."24 Albert Topf geriet in sowjetische Gefangenschaft und H. Topf erlebte den Beginn der Besatzungszeit ohne seinen Vater: "Wir hatten einen [Nachbarn], der war von der Luftwaffe desertiert, auch ein Siemensmann, der war beim Einmarsch der Russen bei uns und hat uns Kinder [ein] bisschen zu beschützen versucht. Dass wir keine Angst haben, dass wir die Türen aufmachten, als die Russen kamen und nicht die Frauen, und das wir uns noch die letzten Kriegsspielabzeichen von der Jacke nahmen. Er sagte: 'Die könnten euch ja für Soldaten halten'."25 Albert Topf "... ist dann im Spätsommer [1945] wiedergekommen, die Russen haben ihn dann laufen lassen aus der Gefangenschaft und erst Wochen danach kam dann so ein radelnder Hilfspolizist und sagte: 'Heute Abend, ehemaliges Hitlerjugendheim, zum Verhör.' Und da ist er hinmarschiert. Blöderweise, er hätt´ ja auch weglaufen können ... Ich traf ihn auf der Straße, da war ich elf, da sah ich ihn das letzte Mal, auf dem Weg dahin [zum Verhör]. Und ich habe dann dort Erkundigungen eingezogen, am nächsten Tag, als Kind, meine Mutter traute sich nicht hin, und habe dann so halbe Wahrheiten bekommen: abtransportiert, die Russen, Lastwagen und Pipapo, nicht? Und dann später erst geschmuggelte Briefchen und dann mündliche Mitteilungen, gestorben, dann und dann, sehr ungenau. Und erst jetzt nach Öffnung der KGB-Akten in Moskau, da sind jetzt Dokumente da über den Suchdienst des Roten Kreuzes und so weiter. Also wir wissen jetzt das Todesdatum der beiden Männer in Sachsenhausen ... Und der Onkel Hans [der Falkenseeer Nachbar], der lag schwer verwundet in seinem Keller, der hatte auch beim 'Volkssturm' gekämpft oder zu kämpfen versucht, hatte `nen Schuss durch den Hals gekriegt. Unser Hausarzt hat ihn nach Hause gebracht, blutüberströmt, und später haben ihn dann russische Offiziere abgeholt ... 'Holz-Topf' und 'Stein-Topf' sind beide `47 im Sonderlager im ehemaligen Konzentrationslager Oranienburg gestorben, also im sowjetischen Lager."26 Nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten hatte sich Albert Topf mit dem neuen Regime arrangiert. Er trat in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ein, wurde "Blockleiter", kurz vor Kriegsende noch "Zellenleiter".27 Sein "Pflichtbewusstsein" brachte ihn noch 1945 an die "Front" und in Kriegsgefangenschaft. Er wurde verhaftet und wahrscheinlich trotz seiner vergleichsweise niedrigen Funktionen innerhalb der NSDAP in Sachsenhausen interniert.28 Dorthin kam auch sein älterer Bruder Hans Topf, der ebenfalls "Zellenleiter" war. So wurden nach Kriegsende zwei wichtige Menschen, die H. Topf durch seine Kindheit begleitet hatten, aus seinem Leben gerissen. "... Das hat mich sehr beschäftigt ... man wartete auf ihn, man wusste nicht, lebt er noch, lebt er nicht. Und die Fragen stellten sich deutlicher und deutlicher: 'Vater, was hast du im Krieg gemacht? Vater, was hast du gemacht in dieser Partei, der Onkel genauso?' Und da haben sich Träume eingestellt."29 Die Tatsache, dass ihn dieser Verlust bis in den Schlaf verfolgte, lässt vermuten, dass es sich um einen ersten, besonders schmerzlichen Einschnitt in H. Topfs Leben handelt. Anders als viele Kinder, die während des Krieges ohne ihre Väter aufgewachsen waren, erlebte H. Topf diese Trennung erst nach 1945. Seine Erfahrung steht damit im Gegensatz zur allgemeinen gesellschaftlichen, denn im Gegensatz zu den Vätern anderer Kinder, die von der Front oder aus der Gefangenschaft heimkehrten, kam Albert Topf nicht mehr zurück. Für H. Topf hat dieser Umstand mit dazu beigetragen, dass er bereits früh damit begann, das Verhalten seines Vaters und anderer, ihm nahestehender Personen, zu hinterfragen. Einen weiteren Bruch in H. Topfs früher Jugend dürften die Erkenntnisse über die Rolle, die das Erfurter Familienunternehmen während der Zeit des Nationalsozialismus spielte, ausgelöst haben. Hatte H. Topf während seiner Kindheit den Namen eines großen, weltweit agierenden Unternehmens, dessen Inhaber Familienmitglieder waren, mit Stolz getragen, so änderte sich das nach dem Krieg plötzlich. "... Jetzt kam diese andere Geschichte, es kamen irgendwann Wochenschauen und da waren dann Krematorienöfen zu sehen und da hieß es: 'Die Firma Topf & Söhne in Erfurt hat das gemacht.' Und das hat mich natürlich berührt, weil ich das dann sah ..."30 H. Topf erfuhr demnach im Alter von 13 oder 14 Jahren im Kino davon, dass die Firma, die er bewunderte, in Verbrechen verstrickt war. Zu den Fragen, was seinen Vater dazu bewog, Funktionen in der NSDAP zu übernehmen, noch 1945 zum Volkssturm und später freiwillig zum Verhör zu gehen, kamen nun Fragen über die Erfurter Firmeninhaber und deren Beteiligung an den NS-Verbrechen. Hatte das Unternehmen für H. Topf während seiner Kindheit eine positive Identifikationsmöglichkeit geboten, verkehrten sich nun gleichsam die Vorzeichen: der Name "Topf" erhielt in der Öffentlichkeit eine negative Konnotation. H. Topf hatte somit in den unmittelbaren Nachkriegsjahren eine "doppelte Verlusterfahrung" zu verarbeiten. Ein eigen(willig)er Lebensentwurf zwischen "Flakhelfern" und "68er-Generation"Nach dem Tod ihres Mannes blieb Irmgard Topf allein mit H. Topf und seinen beiden Schwestern in Falkensee.31 Dort blieb auch Kurt Kreutzer, während die Angehörigen des ebenfalls verstorbenen Hans Topf 1948 zu jüdischen Verwandten nach Brasilien auswanderten. Von dort aus unterstützten sie die Zurückgebliebenen mit "Liebesgabenpaketen"32. Vaterlose Familien prägten das Bild der Nachkriegszeit und auch die Topfs gehörten zur Gruppe der "... sogenannten typischen sozialen Schicksale der ... Nachkriegszeit".33 H. Topf verließ im Alter von sechszehn Jahren sein Elternhaus. "Falkensee und dieser Teil am Rande Berlins waren natürlich dann sowjetisch besetzt, wurden also dann auch DDR und da hatte ich dann so meine Schwierigkeiten mit der Schule. Hab´ mich da aufmüpfig benommen, hab´ dann da auch illegal Zeitungen aus dem Westen Leuten zugesteckt und da ist der Verdacht aufgekommen, da war es eigentlich ziemlich klar, und dann hat mich zum Glück mein Klassenlehrer im Morgengrauen gewarnt, und hat gesagt: 'Die wollen dich heute holen, hau ab, verschwinde' ... Und dann bin ich 1950 wie gesagt weggegangen34, bin dann nach ein paar Wochen [West-]Berlin, dann Hannover, Flüchtlingsaufnahmelager, was alles so dazugehört, hab´ mich dann bemüht um `nen Job. Hab´ auf `ne Lehrstelle lange warten müssen, hatte auch keine richtigen Schulzeugnisse. Ich hab´ dann die Mittlere Reife auf der Abendschule noch mal gemacht und bestätigt bekommen. Zum Abitur habe ich keine Genehmigung bekommen von der Firma, das hätte man damals alles noch gebraucht ... Ich hatte gerade die Prüfung für `ne Lehrstelle bestanden. Zwölf Lehrstellen unter 300 Bewerbern. Immerhin. Fernmeldemonteur. Und dann sagte Siemens: 'Also wenn du bei uns lernen willst, dann kannst du nicht abends noch zur Schule gehen. Das erlauben wir nicht.' Da war´s geplatzt. Da hab´ ich dreieinhalb Jahre bei Siemens halt gelernt, hab´ meinen Gesellenbrief gekriegt, bin Fernmeldemonteur geworden und habe dann gesagt: 'Die Technik ist ja ganz schön, da werd´ ich noch ein paar Jahre Geld verdienen, aber ich mach´ Kunst.' Hab´ mich jeden Abend beim Theater rumgetrieben in Hannover, bei Filmleuten rumgetrieben und als die Russen einmarschierten in Ungarn, im Oktober `56, bin ich nach Berlin zurückgegangen. Nach West-Berlin dann natürlich. Und hab´ mich dann so durchgeschlagen mit allen möglichen Jobs. Ich hab´ dann in der Forschung bei Osram gearbeitet als Mechaniker, hab´ dann aber auch Filme mitgemacht, an Filmen mitgearbeitet."35 Die Flucht aus der DDR markiert einen weiteren Bruch in H. Topfs früher Vita. Er kam in die Bundesrepublik, die durch einen "Wiederaufbau-Kompromiss" geprägt war: die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit wurde hier in den fünfziger Jahren zugunsten des Wiederaufbaus unterdrückt. Das trug unter anderem mit zur schnellen Integration beziehungsweise Rehabilitation der Täter, Helfer und Mitläufer des Nationalsozialismus bei. Die "Weimarer Generation" der vor 1900 Geborenen hatte dabei die politische Führung übernommen.36 Deren Exponenten, die in der frühen Bundesrepublik leitende Positionen besetzten, waren durchschnittlich weniger stark nationalsozialistisch belastet, als die um 1900 bis ca. 1910 geborenen Angehörigen der Generation, der auch H. Topfs Eltern angehören. Diese sogenannte "NS-Generation" wurde eher aus politischen Positionen verdrängt beziehungsweise rückte gar nicht erst in sie nach.37 Die nächste Alterskohorte, die während ihrer Sozialisation entscheidend durch gesellschaftliche und politische Umbrüche geprägt wurde, waren die Jahrgänge zwischen Mitte der 1920er und Anfang der 1930er Jahre. Diese "Flakhelfer- und Hitlerjugendgeneration" wurde später zu einem Teil der "ersten Jugendgeneration der Bundesrepublik"38, die sich nahezu reibungslos den Großeltern der "Weimarer Generation" unterordnete und am Wiederaufbau beteiligte. Die generationelle Einordnung H. Topfs ist schwierig. Nachdem er seine Mutter und die Schwestern verlassen hatte, schlug er zunächst einen für die damalige Zeit "typischen" Weg ein, indem er bei Siemens, dem ehemaligen Arbeitgeber seines Vaters, eine technische Ausbildung absolvierte, und damit gewissermaßen in dessen Fußstapfen trat.39 H. Topf zog damit aus einem "typischen Nachkriegsschicksal" zunächst "typische" Konsequenzen: in den fünfziger Jahren ist ein allgemeiner Trend zu Stabilität und Kontinuität gerade auch bei der "ersten bundesrepublikanischen Jugendgeneration" zu verzeichnen. Außerdem konstatiert Axel Schildt, dass sich durch die "... Eingespanntheit der meisten Jugendlichen in die Arbeitsanstrengungen des Wiederaufbaus mit ihren sehr langen Arbeitstagen ... [eine] Strukturähnlichkeit der Einstellungen von Jugendlichen und Erwachsenen"40 ergeben habe. Auch H. Topf orientierte sich zunächst an der Biographie seiner Eltern und scheint damit in der etwas älteren "Flakhelfergeneration" aufzugehen. Seit Ende der fünfziger Jahre schlug er jedoch einen anderen, für diese Zeit untypischen Weg ein: er zog häufig wechselnde Arbeitsbereiche und -verhältnisse einer dauerhaften Anstellung vor. H. Topf arbeitete beim Studentenkabarett, war 1966 als Aufnahmeleiter an einer Günter Grass-Verfilmung in Polen beteiligt und begleitete als technischer Leiter eine Theatertournee; zwischenzeitlich war er als Assistent für Physik und Chemie an einem französischen Gymnasium beschäftigt. Damit unterscheidet sich H. Topf deutlich vom Großteil seiner Altersgenossen, denn er scheint nicht "politisch uninteressiert, introvertiert und in erster Linie auf die eigene berufliche Karriere bedacht"41 gewesen zu sein. Der nachfolgenden "68-Generation" der um 1940 geborenen "Kriegskinder" des Zweiten Weltkriegs ist H. Topf aber ebenso wenig eindeutig zuzuordnen. Deren Angehörige waren zwar politisch engagiert, traten aber nach dem Ende der Studentenproteste größtenteils den "Weg durch die Institutionen" an und versuchte damit ebenfalls nach althergebrachten Mustern Karriere zu machen.42 Zumindest was seine vielfältigen Beschäftigungen angeht, ist H. Topfs Lebenslauf seit den fünfziger/sechziger Jahre keinesfalls "durchschnittlich" und mutet eher anachronistisch an beziehungsweise scheint eher Lebensentwürfen des späten 20. Jahrhunderts vergleichbar.43 Im Dezember 1961 heiratete H. Topf, im darauffolgenden Jahr wurde er Vater. Nach der Trennung von seiner Frau Ende der sechziger Jahre nahm er seinen Sohn zu sich.44 "... Ich bin also sehr, sehr gerne in diese Vaterrolle eingetreten. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht und die Lebenserfahrung, die ich dabei gewonnen habe und die auch mein Sohn gewonnen hat, macht uns beide, glaube ich, ganz glücklich. Also mir gefällt das sehr. Wir sind auch von der ganzen Umwelt, also von Freunden und Bekannten und Verwandten in der Hinsicht sehr wohlwollend begleitet worden. Wir haben richtig großes Glück miteinander gehabt."45 Um sich besser seinem Sohn widmen zu können, beschloss H. Topf: "'Jetzt muss ich freiberuflich arbeiten, ich kann nicht mehr jeden Tag irgendwo pünktlich antanzen, nicht? Ich muss `ne freie Zeitdisposition kriegen' - und das ist ab `67 dann auch so gelaufen. Moment, `67? Was mach ich denn. Nee, später, `68. Ja. `67/`68 jedenfalls. Und seit der Zeit war ich dann also viele Jahre alleinerziehender Vater und freiberuflicher Filmemacher fürs Fernsehen und bin dann über Kommentare, über andere Fernsehproduktionen, zum Radio gekommen. Und da haben die mich als Journalisten also entdeckt und seitdem bin ich nun, ja, schon sehr lange Journalist."46 "Wir [H. Topf und sein Sohn] sind ja auch reingewachsen in die Turbulenzen der studentischen Emanzipation der sechziger Jahre ... Wie gesagt, ich konnte nur von meinen Erfahrungen auch erzählen, meinem Sohn, der war auch neugierig, der wollte das wissen. Der wollte aber auch von den anderen Verwandten wissen. Von der Verwandtschaft seiner mütterlichen Seite, die also aus dem Sudetenland kamen, was die erlebt haben und wie es ihnen ergangen ist. Er hat sehr viel nach Geschichte gefragt, kam auch dann in seiner Arbeit sehr deutlich raus. Er hat ja dann als Schauspieler eben mit Egon Monck Geschwister Oppermann verfilmt und da war ganz viel Politisches zu tun, auch zu verstehen, was `33 in Deutschland los war."47 H. Topfs Sohn wurde Schauspieler und hat sich - beeinflusst von seinen Vater - ebenfalls intensiv mit dem Dritten Reich auseinandergesetzt. "Mein Sohn ist seit 13 Jahren in Holland verheiratet, hat eine in Holland lebende Familie, also, und [ich habe eine] Enkeltochter von elf Jahren, für die ich 'Opa Berlijn' bin. Der Berliner Opa. Ganz schön."48 Dass H. Topf Ende der 1960er Jahre alleinerziehender Vater wurde, ist auch für diese bewegte Zeit außergewöhnlich. Zwar hatten "... die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Unbillen der Nachkriegszeit ... die Institution Familie gestärkt ..."; sie hatten aber gleichzeitig auch zum "... Verharren der Ehepartner in der überlieferten Rollenverteilung beigetragen ..."49 An diesem Zustand änderte sich auch im Verlauf der sechziger Jahre kaum etwas, so dass auch die Angehörigen der "68er-Generation" noch ein durchaus traditionelles Rollenverständnis hatten.50 H. Topf unterscheidet sich erneut deutlich sowohl von der "Flakhelfergeneration", als auch von den "68ern". Ähnlich wie seine vielfältigen Arbeitsfelder, die seinen Lebenslauf so "patchworkartig"51 erscheinen lassen, ist H. Topf auch als alleinerziehender Vater dem allgemeinen Trend seiner Zeit voraus. Während seiner freiberuflichen Tätigkeit seit Ende der 1960er Jahre engagierte sich H. Topf ebenso vielseitig wie zuvor: er war bei unterschiedlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten beschäftigt52 und half daneben Kulturveranstaltungen in Deutschland und darüber hinaus zu organisieren. "Also, ich mache meistens Kulturdinge, und seit `74 hab´ ich mich aber auch, das war auch mein Job, für den Stern53 ... mit dem Verhältnis von Kommunismus und Geschichtsinterpretation auf dem Balkan beschäftigt; bin also seit `74 regelmäßig jedes Jahr x-mal auf dem Balkan gewesen. Und am meisten in Jugoslawien. Hab´ dann auch serbokroatisch gelernt, war zweimal Gast ... der slawistischen Sommerschule der Kroaten, einmal der slawistischen Sommerschule der Serben. Ich kenn´ das Kosovo und die Woiwodina ... Die kennen ihr altes Land nicht so gut wie ich. Und ich fahr´ ja jetzt auch da noch [hin], natürlich jetzt nicht grad ins Kriegsgebiet, aber die Verbindungen sind da und wir sprechen. Wir haben Flüchtlingsdinge in Berlin auf die Beine gestellt und man kann individuell helfen, wir haben auch gemeinsam geholfen, organisatorisch.54 Das sind so Dinge, die mich interessieren und, wie man ja hier sieht, wo wir sitzen, im 'Waidspeicher'55, ich bin sehr engagiert und richtig verpflichtet auch in Puppentheaterdingen."56 Seit 1999 ist H. Topf pensioniert, wobei er keinen gravierenden Unterschied zu seinem vorherigen Leben ausmachen kann: "Als Rentner arbeite ich eigentlich so weiter wie vorher. Nur, ich muss nicht jeden Monat nachdenken: 'Reicht´s für die Miete?', sondern das bezahlt jetzt die Rentenkasse."57 H. Topfs Lebensweg mutet in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich, untypisch und "unzeitgemäß" an. Der Zweite Weltkrieg selbst dürfte für ihn weniger traumatisch gewesen sein, als die unmittelbare Nachkriegszeit, die mit Sicherheit für sein weiteres Leben prägend war. Wie beschrieben, ist der 1934 Geborene weder den "Flakhelfern", noch den "68ern" eindeutig zuzuordnen, er scheint sich vielmehr zwischen beiden Generationseinheiten zu befinden. Nachdem er sich mit dem Beginn einer Lehre zunächst an den "Zeitgeist" angepasst zu haben schien, ging H. Topf seit Ende der 1950er Jahre einen unzeitgemäßen Weg, indem er anfangs verschiedenste künstlerische, später journalistische Tätigkeiten ausübte. H. Topf teilt damit die gesellschaftlich und politisch uninteressierte und unengagierte Lebensweise der "Flakhelfer" nicht und erinnert in dieser Hinsicht eher an die "68er". Von ihnen unterscheidet er sich wiederum dadurch, dass seine Erwerbsbiographie auch über die sechziger Jahre hinaus weniger "eintöniger" ist, als die der meisten "68er". Zudem strebt H. Topf im Gegensatz zu ihnen eine differenzierte und weniger pauschale Betrachtungsweise der nationalsozialistischen Vergangenheit an.58 Der Schock über die Beteiligung einiger Mitglieder seiner Familie an den nationalsozialistischen Verbrechen motivierte ihn, sich früher als andere mit der Vergangenheit zu beschäftigen und sich gesellschaftlich zu engagieren. Natürlich weist H. Topfs Lebensweg auch Elemente der vorhergehenden und der nachfolgenden Generationen auf. Letztendlich passt er aber weder eindeutig in die "Flakhelfer-", noch in die "68er-Generation". H. Topf lebt im Spannungsfeld zwischen zwei Alterseinheiten, tendiert mal zur einen, mal zur anderen, hebt sich aber immer deutlich von beiden ab. Er ist ein "Grenzgänger zwischen zwei Generationen". III. Hartmut Topfs Beschäftigung mit der Vergangenheit: Stationen und MotivationenBereits in den 1940er/1950er Jahren - und damit wesentlich früher als ein Großteil seiner Altersgenossen und der Deutschen allgemein - begann H. Topf, sich mit der Geschichte seines Vaters, seines Onkels Hans Topf und der Firma Topf & Söhne auseinander zu setzen. Seit 1935 hatten die Vettern seines Vaters, Ernst-Wolfgang und Ludwig Topf59, leitende Positionen im Familienunternehmen inne, das in den 1920er Jahren den Bau von Krematorien als neues Geschäftsfeld erschlossen hatte. Der Name Topf stand in den dreißiger/vierziger Jahren für deutsche Qualitätserzeugnisse von Weltgeltung. Tatsächlich wurde die Namensbedeutung aber seit Ende der dreißiger Jahre um eine zusätzliche, furchtbare Dimension erweitert: immer noch stand auf Fabrikschloten der Name Topf, genauso wie auf Brauereianlagen und, im Zuge des Krieges, auch auf Rüstungsgütern - aber nicht nur; auch auf den Krematorien der Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und schließlich auf denen des Vernichtungslagers Auschwitz sowie auf den Be- und Entlüftungsanlagen der dortigen "Leichenkeller" (der eigentlichen Gaskammern), prangte das Etikett "J.A. Topf & Söhne, Erfurt".60 Der Genozid war durch die Zusammenarbeit des Familienunternehmens mit der SS zwar nicht erst ermöglicht, aber immerhin mitgeprägt und rationalisiert worden61 - obwohl die Verantwortlichen gewusst haben müssen, was in Auschwitz geschah.62 Diese Tatsachen wurden einer breiten Öffentlichkeit jedoch erst bekannt, als die alliierten Sieger über das "Tausendjährige Reich" Bilanz zogen. Die Firma Topf & Söhne wurde dadurch nach Kriegsende unter sehr negativen Vorzeichen "weltberühmt". Durch den Verlust ihm nahestehender Menschen wurde H. Topf zum Nachfragen angeregt, aus persönlicher Betroffenheit war bei ihm zunächst ein allgemeines Interesse für die NS-Zeit geweckt worden. Als er darüber hinaus feststellen musste, wozu Krematorien des Erfurter Familienunternehmens teilweise gedient hatten, begann H. Topf damit, sich über das bloße "kindliche Staunen" hinaus mit der Firma zu beschäftigen. Er versuchte, das Geschehene in den Kontext des Nationalsozialismus einzuordnen und zu verstehen. Am Anfang stand die Frage, welche Rolle das Familienunternehmen genau gespielt hatte und wie es dazu kommen konnte. Als H. Topf begann, sich für die Firmengeschichte zu interessieren, stellte er fest, dass andere Familienmitglieder nicht gern über die Geschehnisse während des Krieges sprachen: "... Es hat mich beschäftigt, und ich hab´ dann auch versucht, Auskünfte zu bekommen und habe gemerkt, dass es einigen Verwandten wohl peinlich ist, aber das sie selber auch herzlich wenig davon wussten. Und dann hab´ ich das eben auf meine Kappe genommen und gesagt: 'Dann such´ ich eben alleine weiter'."63 "... Ich meine, als Kind konnte ich mich in gar keiner Weise schuldig fühlen und schämen für Verwandte, die ich persönlich nicht kannte, nun auch nicht unbedingt. Aber ich war so angestachelt, dass ich mehr darüber wissen wollte. Und die damals mit mir umgehenden Erwachsenen aus diesem Familienumkreis, die reagierten unterschiedlich. Die einen sagten: 'Darüber weiß man leider zu wenig' und 'Es war ja sehr geheim gehalten'. Und es gab auch eine gute fromme Anthroposophin, [eine] Schwester meines Vaters, der es sicherlich peinlich war und die sagte: 'Ach es wäre schön, man würde darüber nicht mehr sprechen'."64 Einer der wenigen, von dem H. Topf bei seiner Suche Unterstützung erfuhr, war sein Vetter Dietrich, der Sohn der Erfurter Borchards, der ihm gemeinsam mit seiner Frau half, die Zusammenhänge zu verstehen. "Also das war für mich dann eine Stütze in Erfurt, und die haben mir auch sehr geholfen, was hier an Spuren auftauchte, zu finden. Auch Familiensachen, die sie irgendwo auf dem Dachboden hatten, mir einfach mitzugeben, auf die Gefahr hin, dass die [DDR-]Grenzkontrollen das finden und mir wegnehmen ... Ich war ja ein feindlicher Ausländer inzwischen als Westberliner, nach der DDR-Doktrin jedenfalls."65 Die Verstrickungen der Firma Topf führten dazu, dass sich Familienmitglieder im wahrsten Sinne des Wortes "ihres Namens schämten". Konnten sie bisher stolz auf die technischen und unternehmerischen Leistungen des Familienunternehmens sein, lastete dessen zu enge Zusammenarbeit mit der SS jetzt wie ein Fluch auf dem Namen. Wie überall im Deutschland der ausgehenden vierziger Jahre wurde auch in diesem Fall offenbar geschwiegen und verdrängt - aus Angst oder Scham, oder um sich dem Wiederaufbau zu widmen. Darüber hinaus mag auch die Tatsache, dass Ernst-Wolfgang Topf bereits zwei Jahre nach Kriegsende wieder ein Unternehmen in Wiesbaden gründete, ein Patent für den Bau von Krematorien anmeldete und von den Westalliierten unbehelligt gelassen wurde, den einen oder anderen zu der Überzeugung verleitet haben, es sei doch alles "nur halb so schlimm" gewesen und darüber hinaus besser, "Gras über die ganze Sache wachsen zu lassen". Ob H. Topfs Verwandten wirklich nichts über die Einbindung des Familienunternehmens in die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie wussten, oder ob sie nur nicht bereit waren, ihre Mitwisserschaft einzugestehen, muss an dieser Stelle offen bleiben.66 Neben den Informationen und Dokumenten, die ihm Dietrich Borchard zukommen ließ, suchte H. Topf in ostdeutschen Archiven nach Material über die Firma Topf & Söhne. Diesen Umstand nutzte das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS), um mit dem "neugierigen Journalisten" aus der Bundesrepublik Kontakt aufzunehmen. "Aber dann brachte er [ein befreundeter ostdeutscher Filmdozent] eines Tages eben einmal jemanden mit und der stellte mir so ein paar freundliche Fragen, machte mir so ein paar freundliche Vorschläge: ich brauch´ keinen Pflichtumtausch mehr zu machen, sie [das MfS] würden mir ab und an auch mal eine Übernachtung bezahlen, und sie würden ganz gern sich mit mir über die Politiker im Rathaus Schöneberg unterhalten. Dann hab´ ich gesagt: 'Nee, Herrschaften, also ich brauch´ die Geschenke nicht, und was ich über die Politiker denke, das sage ich Ihnen gern auch mal am Biertisch, das sage ich aber auch gern im Radio, das ist mein Beruf und da können Sie es ja hören.' Also, das war klar, damit war diese Annäherung beendet."67 Möglicherweise kollidierte H. Topf darüber hinaus auch mit der offiziellen Gedenklinie des SED-Staates, als er Wissen über den längst "entnazifizierten" und nunmehr "volkseigenen" Nachfolgebetrieb der Firma Topf & Söhne anzuhäufen versuchte. Aufgrund der eingeschränkten Recherchemöglichkeiten war H. Topf bis 1989 hauptsächlich auf Zufallsfunde in Bezug auf die Familien- und Unternehmensgeschichte angewiesen. Mit dem Ende der DDR, der Auflösung des gesamten ehemaligen Ostblocks, und der Wiedervereinigung Deutschlands fielen nach den politischen auch die Grenzen für Informationen: in vormals verschlossenen Archiven und durch neue Aktenfunde kamen neue Fakten, auch über die Geschichte der Firma Topf & Söhne, ans Licht - so etwa die Protokolle der Verhöre mit Kurt Prüfer, Karl Schultze und Fritz Sander.68 Dadurch und durch die Publikationen von Jean-Claude Pressac69, die seit Ende der achtziger Jahre erschienen waren, rückte die Geschichte des Unternehmens erneut ins Licht der Öffentlichkeit. In den neunziger Jahren formierte sich eine Erbengemeinschaft, die aus Dagmar Topf, der geschiedenen Frau eines Sohnes von Ernst-Wolfgang Topf, einer seiner Töchter und deren Kindern bestand. Dagmar Topf meldete als Sprecherin in Erfurt Ansprüche auf das ehemalige Firmengelände und ein Parkgrundstück an, wobei zunächst nicht deutlich wurde, welche Interessen die potentiellen Erben verfolgten. In der dadurch entstehenden Diskussion ging H. Topf mit seinem Wissen über die Verwandten und das Unternehmen an die Öffentlichkeit. Seit Kriegsende hatte H. Topf demnach unterschiedliche Motivationen für die Beschäftigung mit der Familien- und Firmengeschichte. Neben einem aus traumatischen Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend resultierenden allgemeinen Interesse für die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945, dürften auch familiäre Bindungen zu den Firmeninhabern ein wichtiger Grund für seine Nachfragen gewesen sein. H. Topfs journalistische Tätigkeit wurde sicher durch die Erfahrungen bei seinen Nachforschungen begünstigt und hatte ihrerseits auch Auswirkungen auf die Art und Weise seines Umgangs mit der Vergangenheit. Auch für seine Präsenz in Erfurt dürfte H. Topfs nach wie vor waches Interesse an neuen Erkenntnissen über die Familien- und Firmengeschichte mitverantwortlich sein. IV. "Das kann doch nicht wahr sein, was ist das für eine Verwandtschaft!" - Hartmut Topfs Wahrnehmung der Generation seiner ElternEinseitige Erklärungen lehnt H. Topf mit dem Hinweis darauf ab, dass "Schwarz-Weiß-Malerei" der Familien- und Firmengeschichte lange genug betrieben worden sei. Er versucht dagegen ein vielseitiges, buntes und durchaus ambivalentes Bild seiner Familie zu zeichnen, in dem auch Widersprüche innerhalb der einzelnen Charaktere Platz haben sollen. Die Familienmitglieder, die sich im Dritten Reich möglicherweise schuldig machten, möchte H. Topf nicht vorschnell oder pauschal verurteilen; er sucht vielmehr nach individuellen Motiven für ihre Handlungen beziehungsweise Unterlassungen. Im folgenden Kapitel soll versucht werden, H. Topfs Wahrnehmung und Beurteilung des Verhaltens einzelner Personen seines Familienzweigs mit seiner Sicht auf die Inhaber der Firma Topf & Söhne zu vergleichen und miteinander in Beziehung zu setzen. Hartmut Topfs Wahrnehmung seines FamilienzweigsMit seinem Vater verbindet H. Topf positive Erinnerungen: "... Ganz vaterlos war ich ja auch nicht. Mit elf Jahren hatte ich immerhin eine ganze Zeit einen Vater, der mir als Mensch sehr gefiel und der auch für die Familie sehr viel tat und fleißig war. Er war eigentlich ein guter Familienvater und da dachte ich: 'Das kann ich ja nachmachen, so gut ich das kann ...'"70 Den positiven persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen, die H. Topf in der Kindheit mit seinem Vater machte, stehen Erkenntnisse aus der Nachkriegszeit gegenüber. "Nachdem ich wusste und erfahren habe, mehr und mehr, was der Nationalsozialismus überhaupt war ... hat es mich auch fürchterlich gekränkt, dass mein geliebter Vater da mitgemacht hat."71 H. Topf befand sich deshalb in einem Zwiespalt. "Das ist ja das Dilemma, wenn man weiß, meine Eltern waren an irgendwelchen Missetaten beteiligt, dann stell´ ich strenge Fragen. Mir ist das nicht möglich gewesen mit meinem 'Nazivater'. Ich hab´ die Gespräche mit ihm geträumt - die nötigen Gespräche der Pubertät. Die waren ganz erfreulich, muss ich sagen. Hat mir viel geholfen. Aber ich hab´ meinem Vater auch gesagt: 'Wie konntest du dieser Mörderbande auch nur angehören. Als Parteiangehöriger, als 'Blockleiter'', nicht?"72 Weil Albert Topf auf die Fragen seines Sohnes nicht mehr eingehen konnte, machte sich H. Topf in seinen Träumen selbst auf die Suche nach Antworten. "Mein Vater ging ohne Zwang zum Verhör, der war zwar 'Blockleiter', und 14 Tage vor Toresschluss wohl auch noch zum 'Zellenleiter' ernannt worden. Und der ging aber dann ohne äußeren Zwang dahin zum Verhör und sagte: 'Ich habe nichts verbrochen, ich hab´ ein gutes Gewissen'."73 "Ich kann mich heute ohne Zorn an meinen Vater erinnern, ich kann nur bedauern, dass er diese Verirrungen mitgemacht hat. Welche Gründe er hatte, was ihn dazu genötigt, gezwungen hat - Ehrgeiz, Firma, seine Frau ganz bestimmt nicht, die war in der Hinsicht völlig unbedarft und ganz und gar unpolitisch; oder ob der Bruder [Hans Topf] gesagt hat: 'Du, ich kann meine Angeheiratete hier besser schützen, wenn du auch mitmachst' ... - das weiß ich alles nicht."74 Albert Topf bleibt in der Wahrnehmung seines Sohnes widersprüchlich; das "gute Gewissen" seines Vaters scheint für ihn aber ein wichtiges Indiz für dessen Unschuld zu sein. Es fällt H. Topf verständlicherweise schwer, seine persönlichen Erfahrungen mit seinem rationalen Wissen über den Nationalsozialismus in Einklang zu bringen und seinen Vater innerhalb des Dritten Reiches zu verorten. Ähnlich zwiespältig nimmt H. Topf auch seinen Falkenseeer Onkel Hans Topf wahr. Trotz des Altersunterschieds zwischen ihm und Albert Topf, ähneln sich die Schicksale der Brüder: sie waren beide Mitglieder der NSDAP und bei Kriegsende Funktionsträger der Partei; beide kämpften 1945 beim 'Volkssturm' und kamen im gleichen sowjetischen Internierungslager ums Leben. H. Topf versucht auch bei der Biographie seines Onkels, fragwürdigen Aspekten - wie beispielsweise der Funktionsträgerschaft in der NSDAP - vermeintlich positive gegenüberzustellen und zugunsten der jeweiligen Person abzuwägen. "Als ich geboren wurde, hatte er schon eine neue Frau [Berta Topf], die ihrerseits eine Tochter mit in die Ehe brachte. Und die waren nach den Nazimaßstäben 'rassisch nicht einwandfrei'75. Also der Onkel, der immer sehr den Nazi rausdrehte ... der schützte damit - das wusste aber keiner aus der Verwandtschaft - der schützte damit also diese Frau und ihre Tochter und sogar noch deren Eltern, die auch mitgekommen waren."76 H. Topf hält es darüber hinaus für möglich, dass Hans Topf seinen Bruder Albert dazu bewegt haben könnte, durch eine vordergründig politische Haltung mit zum Schutz seiner Familie beizutragen. Ähnlich argumentiert H. Topf auch, wenn er andere Familienmitglieder seiner Elterngeneration beschreibt. "Die beiden Jüngsten [H. Topfs Vater Albert und sein Onkel Karl Topf] waren Wandervogelanhänger, sehr naturliebend und hatten eigentlich für ideologische Dinge nicht so viel Platz im Hirn."77 "Der Onkel Karl ist kurz vor Kriegsende desertiert, das weiß ich auch, aber das war auch kein politischer Überzeugungstäter, sondern der wollte einfach zu seiner Familie."78 "Mein Vater war nicht mehr da, der Onkel Karl war zwar kein Nazifreund, war desertiert, aber der hatte eben auch sich ins Privatleben und in seine Bienenzucht und Briefmarkensammlerei zurückgezogen. Politische Gespräche mit Onkel Karl waren hilflos. Er kam regelmäßig zu uns, zu meinem Sohn und mir nach Berlin und wir sangen zusammen, er spielte Wandervogellieder auf der Gitarre, rauchte sein Pfeifchen, war also ein netter Onkel zu Besuch, aber wirkliche politische Gespräche - [da] war nichts zu machen. Auch mit seinen Kindern - nicht ganz einfach."79 Heinrich Borchard, H. Topfs Erfurter Patenonkel, "... hatte ein Geschäft für Büroeinrichtungen ... am Anger gegenüber der Post, 'Fortschritt Borchard'. Er war ein sehr bürgerlicher Mann, deutsch-national und NSDAP-Mitglied, [hatte einen] 'Musterbetrieb', wie das damals so hieß, der 'Reichsarbeitsfront'80. Aber er war gleichzeitig ein frommer Christ ..."81 Auch hier versucht H. Topf, durch die Hervorhebung von mehr oder weniger prägnanten Widersprüchen die Individualität und Ambivalenz seines Familienmitglieds zu betonen. Im Gegensatz zum Vater erwähnt H. Topf seine Mutter kaum oder nur im Zusammenhang mit anderen Personen. Sie erfährt im Gegensatz zu ihrem Mann eher neutrale beziehungsweise verhaltene Zuschreibungen. H. Topf grenzt sie beispielsweise folgendermaßen von einer Falkenseeer Nachbarin ab: "Und die Tante Berta, die Frau vom Hans, die war dann also auch aktiv für die 'Nationalsozialistische Volkswohlfahrt'82, das heißt die musste Lebensmittelkarten ausgeben und Kleiderspenden einsammeln. Und die war Krankenschwester und war sehr viel, ja pingeliger, als Hausfrau. Die kochte also nach modernen Rezepten und hatte immer alles tipptopp aufgeräumt und ein Butterfleck auf der Buttermarke war für sie fast ein Weltuntergang. Und meine Mutter war da etwas wurstiger mit drei Kindern ..."83 Die weiblichen Familienmitglieder seiner Elterngeneration nimmt H. Topf als noch weniger politisch interessiert wahr, als die männlichen; in seiner Darstellung erscheinen sie vielmehr eher musisch beziehungsweise geistig/geistlich orientiert. Die Erfurter Kindergärtnerin Agnes Topf spielte Klavier, Rose Topf war Anthroposophin und "die Tante Grete im Fränkischen, in der Nähe von Coburg, die war Kräuterweiblein und Dorfschöne geworden. Die hatte auch mit politischen Dingen gar nichts am Hut. Die interessierte Dörrobst und Preiselbeeren und Kräuter im Walde."84 Lediglich der nicht zur Familie gehörende Kurt Kreutzer entspricht nicht diesem Wahrnehmungsmuster. Er sei beispielsweise auch über die jüdische Herkunft von Berta Topf informiert gewesen. "Und dann sagte mir ein anderer Nachbar, der Onkel Kurt: 'ja, ich wusste das, aber ich hab´ es niemandem gesagt'."85 "Das wusste auch in unserer Familie niemand, denn Nachbar Kreutzer hat mir das später mal gesagt, das sei so gewesen, und ich kann es nur rekonstruieren, weil die Cousine, also die angeheiratete Cousine, [die] dann meine Klavierlehrerin war [Hanni Topf] ... nach Brasilien ... zu jüdischen Verwandten auswanderte, die uns dann 'Liebesgabenpakete' schickten."86 Kurt Kreutzer bot sich für H. Topf auch später noch als politischer Gesprächspartner an. "... Mit dem Mann konnte ich über Politik reden. Der war nie in irgendeiner Partei, aber der hat das durchschaut ..."87 Insofern erscheint Kurt Kreutzer als einer der wenigen, in politischer Hinsicht positiven, Bezugspunkte H. Topfs in der Generation seiner Eltern. Eine abschließende Beurteilung der Handlungen und Haltungen einzelner Akteure der "NS-Generation" seines Familienzweigs fällt H. Topf ganz offensichtlich schwer. Er möchte alle seiner Meinung nach wichtigen Aspekte der jeweiligen Persönlichkeit in die Darstellung mit einbeziehen, um keine "Schwarz-Weiß-Malerei" zu betreiben. Es ist auffällig, dass H. Topf seine Familienmitglieder unabhängig von Geschlecht und Kriterien, wie Parteimitglied- beziehungsweise Funktionsträgerschaft, für nicht politisch interessiert beziehungsweise engagiert hält. Vielmehr versucht er das Engagement seiner Familienmitglieder im Dritten Reich mit dem Verweis auf mögliche Ursachen zu verstehen beziehungsweise zu erklären. H. Topf betont die Individualität jeder Lebensgeschichte. Die so "individualisierten" Schicksale kann und will er nicht mehr (be)werten. Ähnlich, wie H. Topf im Spannungsfeld zwischen zwei generationellen Einheiten lebt, scheint er auch zwischen seinem faktischen Wissen über die NS-Zeit und seinen persönlichen Erfahrungen mit Familienangehörigen hin- und hergerissen zu sein. H. Topf bewegt sich bezüglich der Familiengeschichte in einem Spannungsfeld zwischen faktischem Wissen und persönlichen Bindungen zu, beziehungsweise Erfahrungen mit einzelnen Akteuren. Hartmut Topfs Wahrnehmung der FirmeninhaberFür H. Topf ist unbestritten, dass die Firma Topf & Söhne an den Verbrechen des Dritten Reiches beteiligt war. "... Das ist in der Tat so gewesen, sie haben den 'Nazis' diese Öfen geliefert und da muss man auch gar nicht lange rumdiskutieren, da ist nur zu erforschen, unter welchen Bedingungen, wie sind sie dazu gekommen, mit welchen Druckmitteln oder Lockungen oder aus Überzeugung oder Nichtüberzeugung."88 Demnach steht für H. Topf bei der Beschäftigung mit den Firmeninhabern eine ähnliche Frage im Vordergrund, wie bei den Angehörigen seines eigenen Familienzweigs: wie kam es dazu, dass ihr euch mit diesem Regime eingelassen habt? Ludwig Topf nahm sich kurz nach Kriegsende das Leben, und auch den überlebenden Ernst-Wolfgang Topf befragte H. Topf nie zu seiner "Sicht der Dinge". Somit war er bei Nachforschungen - ähnlich wie bei seinem Familienzweig - auf die Aussagen Dritter und auf andere Quellen angewiesen. Zunächst unterhielt er sich mit den Familienmitgliedern, zu denen er Kontakt hatte; später recherchierte er in Archiven; seit den 1980er Jahren erschienen mehrere Publikationen, die weitere Informationen über Topf & Söhne enthielten. Spätestens seit 1989 bestand für H. Topf zusätzlich die Möglichkeit, ehemalige Mitarbeiter, die als Zeitzeugen über das Unternehmen informieren können, kennen zu lernen. H. Topfs Wahrnehmung der Firmeninhaber dürfte daher durch das Studium von Akten und Dokumenten, wissenschaftlichen Publikationen sowie Gesprächen mit Zeitzeugen geprägt sein; darüber hinaus kann aufgrund des Verwandtschaftsverhältnisses vermutet werden, dass auch familiäre Zuschreibungen und die Übertragung persönlicher Erfahrungen aus seinem Familienzweig auf den der Firmeninhaber eine Rolle spielen. Seit dem 30. April 1933 waren Ernst-Wolfgang und Ludwig Topf - zumindest nominell - Parteigenossen.89 Die Mitgliedschaft in der NSDAP war demnach auch in diesem Teil der Familie durchaus nicht unüblich. 1935 übernahmen die beiden Brüder die Leitung der Firma Topf & Söhne. H. Topf beurteilt sie als zu diesem Zeitpunkt jung und unerfahren. Sie hätten diesen Schritt gemacht "... eigentlich eher gegen den Willen der Mutter90, die es gar nicht so glücklich fand. Und die beiden Jungs hatten - höre ich jetzt, auch deswegen ist die 'Schwarz-Weiß-Malerei' nicht mehr so ganz einfach - ganz andere Ambitionen. Der eine wär´ gern Komponist geworden und der andere wäre gern Schriftsteller geworden und der, der sich umgebracht hat [Ludwig Topf], der mögliche Schriftsteller, war auch, und da müsste ich jetzt in anderen Archiven nachforschen - wird interessant - mit Kästner befreundet ... Also, es ist ziemlich deutlich, er war kein Freund der Nazis und war trotzdem in der Partei. Die Zwiespältigkeit find´ ich schon mal spannend."91 Den Eintritt der späteren Firmeninhaber in die NSDAP kann sich H. Topf zwar nicht erklären; er geht aber davon aus, dass beide diesen Schritt aus eher pragmatischen Gründen oder aus Opportunismus, nicht aber aus politischer Überzeugung vollzogen. Aus H. Topfs Sicht geschah auch die Übernahme der Firmenleitung eher ungewollt und zu einem Zeitpunkt, als beide der Verantwortung noch nicht gewachsen waren. Im Zusammenhang mit den "ganz anderen Ambitionen" von Ernst-Wolfgang und Ludwig Topf erscheint das aus H. Topfs Retrospektive als eine Art "schlechtes Omen". Weiterhin versucht H. Topf zu ergründen, wie es zu den Geschäften des Unternehmens mit der SS zunächst in Buchenwald, später in anderen Konzentrationslagern und schließlich im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau kommen konnte und welche Rolle seine Verwandten dabei spielten. Er wägt deren mögliche Rechtfertigungsmuster ab: "Also selbst bei Buchenwald konnten sie [Ernst-Wolfgang und Ludwig Topf] noch gedacht haben: 'Gut, das ist ein Lager, möglicherweise ein Unrechtslager, aber da werden Leute sterben und da braucht man eigentlich Krematorien, die kann man nicht in der Dorfkirche nebenan oder in Weimar begraben.' Also, da hätten sie vielleicht noch nicht mal das schlechte Gewissen haben müssen. Aber als sie dann wussten, dass die geplante Massenvernichtung in Auschwitz zu bedienen war und dass sie leichter wurde durch diese Krematorien, nicht?"92 Die Schuldfrage spielt für H. Topf eine zentrale Rolle, wobei es für ihn nach wie vor unerklärlich ist, wie es zur wissentlichen Beteiligung seiner Verwandten an den NS-Verbrechen kommen konnte. "Das interessiert mich genauso, und ich bin da selber auch noch zu keinem schlüssigen Ergebnis gekommen. Ich weiß nur, dass in einem so großen Unternehmen - das waren ja über 1.000 Beschäftigte - ganz verschiedene politische Strömungen da waren, und ich weiß, dass die beiden Inhaber, die zumindest auch formalrechtlich eine Verantwortung tragen oder auch eine moralische, als sie in die Firma eintraten, ganz junge Leute waren, 35, 34, 36 Jahre so in etwa. Und wer sie dahin gebracht hat. Die Krematoriumsfachleute in erster Linie, Herr Prüfer ganz sicher, und unter diesen auch überzeugte 'Nazis' ... Oder ob sie dann auch in einen Zugzwang gebracht wurden, das weiß ich alles nicht. Und ich sag´ so etwas auch mit großer Vorsicht, weil das Ganze gleich wie eine Entschuldigung klingt. Ob sie also erpresst wurden? Sie wurden mit Sicherheit bespitzelt, das weiß ich inzwischen. Aber da ist mein Kenntnisstand auch noch nicht ausreichend."93 Für H. Topf steht dagegen fest: "... Mit Begeisterung haben sie es schon gar nicht gemacht. Jedenfalls nicht die Leute, die Topf hießen. Aber ein Teil ihrer beschäftigten Ingenieure oder so, ganz sicher. Die kriegten entweder Prämien oder waren auch strenge Nazis.94 Also das, diese Forschung, wie´s im Betrieb aussah, und welche Rolle diese beiden jungen Leute da gespielt haben - man muss sich immer vor Augen halten, die waren wirklich jung und unerfahren - das interessiert mich. Das würde ich gerne rauskriegen. Damit auch nicht nur `ne 'Schwarz-Weiß-Malerei' in der Luft bleibt, nicht? Also nicht, um das zu rechtfertigen, aber um zu verstehen."95 H. Topf versucht, der Schuldfrage anhand für die Firmeninhaber günstiger Annahmen und Erklärungsansätze nachzugehen. So seien unter anderem in einem großen Unternehmen die Verantwortlichkeiten schwer zuzuordnen. Grundsätzlich scheidet für H. Topf aber - ebenso wie beim Parteieintritt von Ernst-Wolfgang und Ludwig Topf - politische Überzeugung als Handlungsmotiv aus.96 Seiner Ansicht nach spielten die Firmeninhaber, nachdem sie zu früh die Leitung des Familienunternehmens übernommen hatten, eine eher passive Rolle; H. Topf interpretiert sie als durch Dritte beeinflusst, die dazu gebracht worden seien, mit der SS zusammen zu arbeiten. Hauptverantwortlich dafür seien andere: Krematoriumsfachleute wie Kurt Prüfer oder andere "überzeugte Nazis", die die Firmeninhaber unter "Zugzwang" gesetzt haben könnten, um ihre eigenen ideologischen oder wirtschaftlichen Interessen zu verfolgen. "Ich weiß aus dem Nachlass, der hier [in Erfurt] durch Zufall entdeckt wurde, von dem, der sich umgebracht hat, von dem Ludwig Topf, dass da ein eindeutiges Anti-Nazi-Dokument da ist, das um die Jahreswende `38/`39 datiert werden kann aufgrund der Aussage: 'Jetzt haben wir schon fünf Jahre dieses Regime hier'. Und [er] nennt Namen und der schimpft auf das [Regime]. Also das ist interessant. Der Mann muss sehr zwiespältig in seinen Gefühlen gewesen sein. Und insofern ist die Verstrickung vielleicht auch eine tragische Verstrickung von diesen beiden. Sie wollten ihr Unternehmen unterhalten. Sie haben auch Illegale durchgeschleust hier, das weiß ich inzwischen auch. Sie haben Leute zu Staatenlosen deklariert, die sonst vielleicht deportiert worden wären, haben die als Gärtner oder Koch beschäftigt. Das sind Dinge, die eigentlich sorgfältiger erforscht werden müssen."97 Auch H. Topf scheint bezüglich der Firmeninhaber "sehr zwiespältig in seinen Gefühlen" zu sein. Er wägt immer wieder sein faktisches Wissen über die NS-Zeit und die Firma gegen seine subjektiven familiären Erfahrungen ab, kommt letztendlich aber zu keinem Ergebnis. Er muss beide Seiten mit dem Verweis auf seinen "noch nicht ausreichenden Kenntnisstand" nebeneinander stehen lassen - er kann und will (noch) nicht urteilen. Der Verweis auf die "tragische Verstrickung" der beiden Firmeninhaber und die Vermutung, dass auch sie - ähnlich wie sein Falkenseeer Onkel Hans Topf - Menschen geschützt haben könnten, erscheint wie die Suche nach "Gegengewichten" für die unumstößlich feststehenden Tatsachen. H. Topf befindet sich, ähnlich wie in seinem eigenen Familienzweig, auch bei den Firmeninhabern in einem Spannungsfeld zwischen Fakten und persönlichen Bindungen. Nach dem Ende des Krieges versuchte Ernst-Wolfgang Topf, sich im Westteil Deutschlands eine neue Existenz aufzubauen. Für seine noch in den vierziger Jahren gegründete98 neue Firma "J.A. Topf & Söhne, Wiesbaden" wurde bereits Anfang der fünfziger Jahre ein Patent für "ein Verfahren für die Verbrennung von Leichen, Kadavern und Teilen davon"99 angemeldet. Das Unternehmen wollte demnach nur fünf Jahre nach Auschwitz wieder in diesem Geschäftsfeld tätig werden!100 "[Ernst-Wolfgang Topf] sollen dann auch emsige Partner getrieben haben dazu, das hat aber nichts mehr gebracht. Das ist damals auch durch die Medien gegangen, auch mit einiger Empörung."101 "Und der Ernst-Wolfgang Topf hat sich dann gerechtfertigt und gesagt: 'Wir haben die Menschen nicht umgebracht, wir haben nur dann eben bei der Leichenbeseitigung helfen müssen, und das Krematorium an sich ist ja erst einmal ein unschuldiges.' So etwa hat er argumentiert."102 Die Interpretation, die Handlungen der Firmeninhaber seien durch andere Personen bestimmt worden, überträgt H. Topf auch auf diesen Zusammenhang in der Nachkriegszeit. In H. Topfs Darstellung erscheinen die Firmeninhaber als Opfer ihrer Zeit: sie lebten in einem gesellschaftlich-staatlichen Umfeld, in dem die Voraussetzungen für Verbrechen geschaffen wurden, an denen sie sich unter äußerem Druck beteiligten. Aufgrund dieser Verhältnisse sei eine Verweigerung unmöglich gewesen. Die Beteiligung seiner Verwandten erscheint in H. Topf Darstellung letztlich als ungünstige Verkettung tragischer Umstände. Eine aktives Engagement schließt er aus, so dass Ernst-Wolfgang und Ludwig Topf eher als von außen geprägte "Randfiguren", denn als verantwortliche "Täter" erscheinen. Wie wenig sich Ernst-Wolfgang Topf seiner Mitschuld bewusst gewesen sein muss, zeigt die Entwicklung nach 1945. H. Topf sucht die Verantwortung dafür wiederum nicht bei seinem Familienmitglied. ZwischenbilanzDie Anzahl von H. Topfs Verwandten beider Familienzweige, die sich offenbar aktiv in unterschiedlichen Organisationen des Dritten Reiches engagierten, ist nicht unerheblich: Albert und Hans Topf waren Funktionsträger der NSDAP und auch Heinrich Borchard war zumindest NSDAP-Mitglied und führte einen "NS-Musterbetrieb"; auch Ernst-Wolfgang und Ludwig Topf waren Parteigenossen; Berta Topf betätigte sich in der Nationalsozialistischen Wohlfahrt. Demgegenüber versucht H. Topf Sachzwänge zu betonen, in denen sich die jeweiligen Personen befunden hätten, um dem Eindruck einer "Parteinahme" seiner Familienmitglieder für den Nationalsozialismus entgegenzuwirken. In der Darstellung H. Topfs erscheinen beide Familienzweige unabhängig voneinander als sehr stark von den äußeren Umständen geprägt beziehungsweise beeinflusst. Die Akteure scheinen eher von ihrer Zeit beherrscht worden zu sein, als selbst aktiv die Verhältnisse mitzugestalten. Demnach sucht H. Topf auch die Verantwortung für die Handlungen seiner Familienangehörigen bei Dritten. Es fällt ihm ganz offensichtlich schwer, die Haltungen, Handlungen und Unterlassungen der Elterngeneration seines Familienzweigs zu bewerten. Die einzelnen Biographien erscheinen ihm zu vielschichtig und widersprüchlich. Ein ähnliches Problem ergibt sich auch bei den Erfurter Firmeninhabern, zu denen sich H. Topf ebenfalls nicht eindeutig positionieren möchte: auf der einen Seite steht die für ihn unbestrittene Tatsache der Zuarbeit des Familienunternehmens zum Holocaust; andererseits sind da die Personen, mit denen er verwandt ist und zu denen er zumindest in seiner Kindheit aufgrund der Namensgleichheit eine emotionale Bindung hatte. Ein nicht geringer Teil beider Familienzweige scheint dagegen aber zumindest partiell mit Zielen des Nationalsozialismus übereingestimmt zu haben. Sicherlich waren sie keine fanatischen Parteiideologen; ob jedoch der Gang noch 1945 zum Volkssturm, oder gar die wissentliche Beteiligung an der Vernichtung von Menschen lediglich durch Sachzwänge oder Fremdbeeinflussung erklärbar sind, ist fragwürdig. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass H. Topfs familiäre Bindungen mit zu dieser Beurteilung beitragen. Er kennt einen Teil der Akteure persönlich und scheint seine Erfahrungen mit diesen auf die ihm nicht persönlich bekannten Firmeninhaber zu übertragen. H. Topf stellt den "Tätern" zwar "kritische Fragen", kann die Antworten aber nur als Familienmitglied geben, wodurch der Eindruck einer Art "Befangenheit" entsteht. Aus der Familienzugehörigkeit resultiert eine "emotionale Betroffenheit", die den Grenzgänger zwischen zwei Generationen zusätzlich in ein Spannungsfeld zwischen faktischem Wissen und familiären Banden bringt. Die Anwendung seines Wissens über die NS-Zeit auf den konkreten Zusammenhang der Familien- und Firmengeschichte fällt H. Topf schwer. Möglicherweise deshalb wiegt er die verschiedenen Tatsachen und Argumente immer wieder gegeneinander auf, ohne zu einem Ergebnis und damit zu einer klaren Meinung über die Rolle einzelner Personen zu kommen. Als Grenzgänger zwischen zwei Generationen scheint sich H. Topf zusätzlich dazu in einem zwischengenerationellen Spannungsfeld bezüglich seiner Haltung zur NS-Vergangenheit zu befinden: bei der Interpretation der eigenen Familiengeschichte schließt er sich eher den sehr stark auf das Nichtvorhandensein von Handlungsalternativen und auf ausgeprägte Sachzwänge verweisenden Erklärungs- und Rechtfertigungsansätzen der "Flakhelfergeneration" an, die es vermieden, eine Bewertung individueller Schuld vorzunehmen. Bei der allgemeinen Betrachtung der NS-Zeit teilt H. Topf dagegen die Ansichten der späteren "68er", die eine zumindest partielle Übereinstimmung einer großen Mehrzahl der Deutschen mit den Zielen des Nationalsozialismus für deren Engagement während des Dritten Reiches mitverantwortlich machten und die darüber hinaus Täter klar benennen. Diese macht H. Topf zwar ebenfalls ausfindig - aber nur außerhalb seiner Familie. V. "Ich heiße Hartmut Topf, und damit kann ich sehr gut leben." - zu Hartmut Topfs SelbstverständnisDas Anliegen des vorigen Kapitels war es, H. Topfs Wahrnehmung einzelner Akteure seiner Elterngeneration aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen. Im folgenden soll im Gegensatz dazu seine Selbstwahrnehmung im Mittelpunkt stehen. Nachdem er als Kind stolz gewesen war auf die Firma Topf & Söhne, begann H. Topf als Jugendlicher, sich mit deren Beteiligung an den NS-Verbrechen auseinander zu setzen. 1950 verließ er die gerade gegründete DDR. Eine wichtige Rolle für H. Topfs Selbstverständnis scheint der Lehrer zu spielen, der ihm zur Flucht aus der DDR riet: "Er war sehr mutig. Er ist später auch weggegangen, ich hab´ noch lange mit ihm korrespondiert. Er war dann Lehrer in der Türkei, und als mein Sohn seinen 18. Geburtstag feierte, sagte ich: 'Komm, ich zeig dir mal einen anständigen Lehrer'"103. Weiterhin beschreibt H. Topf eine eigene bewusste Handlung, wenn er sich weigert, mit dem MfS zusammenzuarbeiten. Diese Episode ist für sein Selbstverständnis offenbar ebenfalls von Bedeutung. Dadurch, dass sich H. Topf ausdrücklich verweigert, grenzt er sich - gewollt oder ungewollt - von den Akteuren seiner Elterngeneration ab, die solch eine bewusste Verweigerung - zumindest nach H. Topfs bisherigem Kenntnisstand - nicht vollzogen. H. Topf wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Namensgleichheit mit dem Familienunternehmen mit den nationalsozialistischen Verbrechen in Verbindung gebracht. "Also ich heiße Hartmut Topf, und damit kann ich sehr gut leben. Aber ich weiß eben auch, dass andere Leute, die diesen Namen getragen haben, [dass] die damit vielleicht nicht so gut leben konnten. Und wenn mich jemand danach fragt, dann kläre ich den über den Zusammenhang auf. Ich könnte ja auch sagen: 'Topfs gibt es viele, ich habe damit gar nichts zu tun'."104 Durch diese offensive Haltung wurden Stellungnahmen von H. Topf verlangt. Als er den "traumatischen Ort"105 Auschwitz besuchte, der zu einem Symbol für den Holocaust geworden ist und vor allem bei Überlebenden starke Emotionen weckt, wurde ihm gesagt: "Ihr Name hat hier keinen guten Klang". Darauf erwiderte H. Topf: "Weiß ich, deswegen bin ich ja hier."106 Diese Episode charakterisiert seinen Umgang mit der NS-Vergangenheit, mit den Opfern der Verbrechen und deren Nachkommen. H. Topf glaubt sich des Klangs, den sein Name in den Ohren Holocaust-Überlebender hat, bewusst zu sein. Er geht auf die Opfer zu und provoziert dadurch Reaktionen. Neben der Beschäftigung mit der Firma Topf & Söhne, stellte sich H. Topf schon früh diesen Reaktionen. "Und ich muss sagen ... wenn man auf die Leute, die davon betroffen sind, als Opfer, oder auch deren Kinder, wenn man denen aus dem Weg geht, und immer nur sagt: 'Ich schäme mich, und wir sind alle schuldig' oder was auch immer, dann bleibt man sehr unfrei. Wenn man aber hingeht und sagt: 'Ich weiß es, und ich bin auf - ich will auf eurer Seite sein, und ich will verstehen und mithelfen, dass sowas undenkbar ist für die Zukunft' ... das hat `ne befreiende Wirkung ... diese Begegnung, diese Aussprache mit Opfern, mit Leuten, die das überlebt haben. Und das hab´ ich schon sehr lange. Die Erfahrung hab´ ich schon sehr sehr lange. Ich hätte sonst ja nicht so viele Juden kennen gelernt, wenn ich das nicht gemacht hätte, nicht? Auch junge Leute, die erstmal anfingen, mir ganz elementare Sachen zu erzählen, was bedeutet es überhaupt, Jude zu sein oder wie lebt man als frommer Jude. Das sind Dinge, die hab´ ich alle so in den 50er/60er Jahren in Berlin schon erfahren und mich rumgefragt, nicht?"107 Für H. Topf war das offene Zugehen auf die Opfer der richtige Weg: er konnte dadurch besser mit den Folgen des Nationalsozialismus allgemein, und mit denen der Handlungen und Unterlassungen seiner Familienangehörigen im speziellen, umgehen. Das hatte für ihn, der mit einem "belasteten" Namen leben muss, eine "befreiende Wirkung". Für H. Topf steht fest, dass er nicht trotz dem sein Name "keinen guten Klang hat", sondern gerade deswegen mit Opfern und deren Nachkommen ins Gespräch kommt. "Und dann hab´ ich gemerkt, dass das genau der richtige Weg ist, auch mit Leuten, die im Widerstand gekämpft haben gegen Hitler, in Deutschland oder auch im Ausland; in Frankreich, in Holland. Ich bin mit Leuten zusammengekommen, von denen mir jeder sagte: 'Die sind verbittert, die reden nicht mit Deutschen, die wollen auch kein Deutsch hören.' Das hab´ ich in jedem Fall geöffnet. In jedem Fall! Da ist niemand, der sich dann verschlossen hat. Und das, fand ich, ist die befreiende Wirkung, wo ich sag: 'Ich weiß, wo ich politisch hingehöre!'"108 Bei der Beschreibung seines eigenen Umgangs mit der NS-Vergangenheit will der Grenzgänger zwischen zwei Generationen wieder nicht recht in seine Zeit passen: für die fünfziger/sechziger Jahre ist das Zugehen auf die Opfer des Nationalsozialismus und die Auseinandersetzung mit ihnen völlig untypisch. Ein Großteil der Deutschen konzentrierte sich vielmehr auf sich selbst und auf die Verarbeitung beziehungsweise Verdrängung der unmittelbaren Vergangenheit. In Deutschland setzte ein allgemeines Interesse für die Opfer und eine emotionale Beschäftigung mit ihnen erst Ende der siebziger Jahre im Zusammenhang mit der Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie "Holocaust" im deutschen Fernsehen ein.109 In seinem Umgang mit Opfern ist H. Topf - ähnlich wie durch sein patchworkartiges Arbeitsleben und die Tatsache, dass er Ende der 1960er Jahre alleinerziehender Vater wurde - seiner Zeit voraus beziehungsweise tendiert bei allgemeinen Interpretationen der NS-Zeit eher zu den Auffassungen der ihm nachfolgenden "68er". H. Topf kann so selbstbewusst zu seinem Namen stehen, weil er einen für sich richtigen Weg für den Umgang mit der Vergangenheit gefunden hat. "... Ich weiß, wo ich politisch hingehöre: nicht auf die Nazi-Seite, nicht auf die Neonazi-Seite, sondern auf die Seite von Leuten, die man unterdrückt hat oder ermordet hat. Das ist `ne Parteinahme, die leider erst im nachhinein ... möglich ist, aber immerhin. Besser als keine, finde ich."110 Durch seine klare politische Stellungnahme hebt sich H. Topf von seinen Familienangehörigen der Generation seiner Eltern ab, die er primär als von äußeren Umständen bestimmt und nur wenig politisiert beschreibt. H. Topf weiß, wo er "politisch hingehört". Von seinen Verwandten kann (oder will) er das so klar nicht sagen. VI. "Ich möchte, dass man an diesem Ort ... ein Zeichen hinterlässt" - Hartmut Topfs Engagement in ErfurtIm folgenden soll erörtert werden, welche Motivation(en) und Intention(en) H. Topf bei seinem Engagement in Erfurt leiten. Zusätzlich soll untersucht werden, ob und inwiefern sich seine in den Kapiteln IV und V deutlich gewordenen unterschiedlichen generationellen Orientierungen beziehungsweise Wahrnehmungen auch auf die Mitarbeit in der Gedenkinitiative auswirken. H. Topfs Engagement in Erfurt ist unterschiedlich motiviert. Zunächst hat er durch familiäre Bindungen und persönliche Erfahrungen beziehungsweise Erinnerungen, die teilweise noch aus seiner Kindheit stammen, eine Beziehung zur Stadt und zur Firma Topf & Söhne. Auch deshalb beschäftigte er sich über einen langen Zeitraum mit der Firmen- und Familiengeschichte. "Mir ging es nicht darum, als Lehrer und Moralapostel oder wie auch immer in der Öffentlichkeit dazustehen. Sondern der erste Grund war einfach, ich wollte wissen, was waren das für Verwandte. Und was ist aus dem geworden, was mein Urgroßvater mit seinen Söhnen gegründet hatte vor der Jahrhundertwende. Das wollte ich wissen."111 1994 erfuhr H. Topf aus der Presse von der Erbengemeinschaft, die im Zusammenhang mit der Firma Topf & Söhne Ansprüche angemeldet hatte. "Und da habe ich gesagt, und hab´ das öffentlich gesagt: 'In der Lage und wenn da was zu holen wäre, fänd´ ich nicht gut, wenn Nachgeborene oder Angeheiratete ihre Ansprüche anmeldeten, das ist eine Posse für mich. Bitte bietet das doch den Opfern an oder steckt´s in die politische Bildung. Es gibt noch Opfer, und politische Bildung ist bitter nötig. Das wäre so sinnvoller, mit diesem Geld umzugehen.'"112 Der Erbanspruch war der Auslöser für H. Topf, an die Öffentlichkeit zu gehen. 1994 fand im Haus Dacheröden113 in Erfurt eine erste Veranstaltung zum Thema Topf & Söhne statt, bei der auch H. Topf anwesend war. Als Ergebnis des zunehmenden öffentlichen Interesses formierte sich ein Initiativkreis, der sich mit der Problematik des ehemaligen Firmengeländes beschäftigte. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Recherche stieß Eckhard Schwarzenberger 1996 auf die Geschichte der Firma Topf & Söhne. Nachdem er das Firmengelände erkundet und zusätzliche Informationen eingeholt hatte, erstellte er die Broschüre "Topf & Söhne - Holocaust und Moderne", um auf das Thema und die Erfurter Initiative aufmerksam zu machen. In diesem Zusammenhang erfuhr er von H. Topf und trat mit der Bitte um Mitarbeit in der Erfurter Gedenkinitiative an ihn heran. In Zusammenarbeit mit dem Europäischen Bildungswerk, der Heinrich Böll Stiftung Thüringen und dem DGB-Bildungswerk Thüringen organisierten sie die Veranstaltungsreihe "Topf & Söhne - Holocaust und Moderne". Seit Juni 1999 gibt es in Erfurt einen Förderkreis, der sich mit dem Ziel, "... den Themen- und Fragenkomplex Topf & Söhne noch breiter in der Öffentlichkeit zu verankern"114 gründete und in dem sich H. Topf ebenfalls engagiert.115 Er selbst versteht seine Rolle innerhalb der Initiativen eher unterstützend: "Also da bin ich natürlich nicht der Tonangebende, sondern bestenfalls der Antriebgebende und Anschubgebende."116 Welche Intentionen leiten nun H. Topf bei seinem Engagement in Erfurt? Grundlegend ist für ihn zunächst, dass das ehemalige Firmengelände markiert wird durch eine "... Art von Mahnmal, Denkmal, Erinnerungszeichen - ich möchte nicht über Begriffe streiten. Kennzeichnung des Ortes sag´ ich am liebsten."117 "Ich möchte, dass man an diesem Ort, der Fabrik, ein Zeichen hinterlässt oder etwas einrichtet, das Menschen zum Nachdenken anregt. Hier sind diese Sachen entworfen und dann auch gebaut worden - und vor Ort montiert natürlich. Aber hier waren Menschen beteiligt an diesem Verbrechen."118 "... Ich würde ganz gerne, dass die Leute, na nehmen Sie es als Metapher, einen Stolperstein erleben an so einem Ort. Und sagen: 'Da kann man nicht einfach drüber weggehen ...'"119 "Der Ort an sich ist unschuldig, aber er hat zu tun mit Schuld und dann soll man so eine Gelegenheit wahrnehmen und sagen: 'Bitte sehr, die Stadt und ihre Bewohner waren - nicht alle - aber Teil dieses Systems und einige haben sich vielleicht auch schuldhaft daran beteiligt, auf alle Fälle beteiligt und man soll darüber nachdenken. Ich denke: 'Denk mal!' - wirklich als Imperativ; mit Mahnmal hab´ ich etwas mehr Schwierigkeiten. [Ich] möchte kein Mahnmal. Es gibt schon etliche und die sollen auch leben, aber die werden oft ja auch missbraucht zu vordergründigen Reden oder feierlichen Akten und Inszenierungen und ich glaube, das ist nicht der richtige Umgang damit ... jedenfalls hier an dieser Stelle nicht ... Ich möchte nur nicht, dass das hier als nicht dazugehörig zur Geschichte ausgelöscht ist. Das ist der Grund."120 Weiterhin möchte H. Topf einen Beitrag dazu leisten, die seiner Meinung nach während des Bestehens der DDR, aber auch darüber hinaus, einseitige öffentliche Wahrnehmung der Familie Topf, die er als "Schwarz-Weiß-Malerei" bezeichnet, zu beenden. Nicht zuletzt deshalb scheint er an einer vielschichtigen und ambivalenten Darstellung seiner Familienmitglieder interessiert und plädiert neben der faktischen Aufklärung der Geschehnisse während des Dritten Reiches vor allem dafür, die Umstände, unter denen seine Familienangehörigen mit der SS zusammenarbeiteten, zu erforschen. "... Zu verstehen ist wichtig für uns Heutige, denn die Versuchungen ... sich an irgendeiner Schweinerei zu beteiligen, die tauchen ja überall auf. Im privaten Leben, im politischen, und auch wenn man keine Diktatur hat, soll man doch aufpassen, wozu man eingeladen wird und woran man sich beteiligt, finde ich jedenfalls. Und das, meine ich, hab´ ich meinem Kind weitergegeben und auch anderen."121 Durch eine ambivalentere Darstellung der Familiengeschichte erhofft sich H. Topf eine ausgewogenere öffentliche Wahrnehmung. "Ich möchte den Erfurtern, wenn´s geht, ein Stückchen ihrer bürgerlichen Geschichte einer Familie wiedergeben, weil das in der DDR einfach hier kein Kapitel war."122 H. Topfs Ambitionen, die Familie Topf wieder in Erfurt einzuführen, könnten demnach ein weiterer Grund für sein Bemühen sein, Schuldzuweisungen an einzelne Verwandte möglichst zu problematisieren und dagegen eher die Verantwortung außenstehender Personen hervorzuheben. Über die Art, wie am besten an die Geschichte des Unternehmens und der Familie Topf erinnert werden kann, ist sich H. Topf noch unschlüssig, und auch der Förderkreis Topf & Söhne hat sich bisher nicht abschließend festgelegt. "Und ob nun an dem Ort `ne künstlerische Installation entsteht oder bloß die übliche Gedenktafel, oder ob es gelingt, den Zeichensaal - wo solche Zeichenmaschinen stehen, diese riesengroßen Reißbretter - auch noch zu bewahren und [zu] sagen, diesen Raum kann man stellvertretend besichtigen. Und dann sieht man links die Eisenbahngleise, wo sowohl das Material wie auch abtransportierte Menschen eben von der Bahn befördert wurden; und man blickt bei normalem Wetter bis zum Ettersberg und sieht da oben den Mahnmalsturm, das [Konzentrationslager] Buchenwald also."123 "Ich möchte nur, dass Leute über ein Kunstwerk oder einen künstlerisch gestalteten Ausdruck angeregt werden, sich selber Fragen zu stellen, mit denen sie auch heute etwas anfangen können, nicht nur rückwärtsgewandt. Ich möchte, dass ein Kunstwerk emotional anspricht und von daher dann auch zum Einsetzen des Verstandes anregt. Also nicht einfach nur eine belehrende Tafel: 'Hier bohrte..., hier tötete..., hier baute Sowieso'. Sondern ich würde ganz gerne, dass die Leute, na nehmen Sie es als Metapher, einen Stolperstein erleben an so einem Ort."124 "Ich finde eben gerade [gut], wenn ein Kunstwerk Reibungsfläche bietet, Anlass zum Nachfragen bietet, und je mehr das emotional begleitet wird, desto besser, desto nachhaltiger ist es. Also, ich möchte nicht gerne einen Ort, der nur einlädt zum Bekenntnis: 'Ich stehe auf der richtigen Seite und habe hier heute meinen Dienst erledigt, indem ich einen Kranz hingelegt habe' oder so. Das möchte ich nicht."125 Für H. Topf war seine emotionale Bindung an die Firma Topf ein wichtiger Anlass für die Beschäftigung mit der Vergangenheit. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie schmerzvoll die notwendige Auseinandersetzung, gerade auch mit der jüngsten deutschen Geschichte, sein kann. Diese Erfahrungen möchte H. Topf durch eine Markierung des Ortes der Firma Topf & Söhne auch an andere weitergeben. VII. SchlussbetrachtungDie ersten nachhaltigen Einschnitte in H. Topfs Vita finden sich offenbar nicht in der NS-Zeit selbst, sondern hängen vielmehr mit ihren Auswirkungen und Folgen zusammen. H. Topf hatte in der für ihn entscheidenden Prägephase, in der Nachkriegszeit, eine doppelte Verlusterfahrung zu verarbeiten. Zudem lebt er zwischen zwei Generationen. Zusätzlich zum daraus resultierenden Spannungsverhältnis scheint sich H. Topf auch in einem Konflikt zwischen seinem faktischen Wissen über den Nationalsozialismus und seinen familiären Bindungen und Erfahrungen zu befinden. Deshalb geht er ganz individuell mit der Vergangenheit um: der persönlich betroffene Grenzgänger zwischen zwei Generationen orientiert sich bei der Darstellung einzelner Familienangehöriger seiner Elterngeneration eher an den Deutungsmustern der "Flakhelfer". Dagegen erinnert H. Topfs Beschreibung seiner eigenen Beschäftigung mit dem Dritten Reich und sein öffentliches Engagement in Erfurt - vor allem auch seine Vorstellungen in Bezug auf die Markierung des ehemaligen Firmengeländes von Topf & Söhnen durch ein sowohl emotional als auch rational anregendes "Denk mal!" - mehr an die Vorstellungen der "68er". Der Eindruck einer Art "Befangenheit" entsteht insbesondere bei der Frage, wie es zur Beteiligung des Familienunternehmens an den nationalsozialistischen Verbrechen kommen konnte, und welche Rolle einzelne Familienangehörige dabei spielten. H. Topf nimmt dadurch, dass er in Erfurt zu seinem Namen und seinen Verwandten Stellung bezieht, Einfluss auf die dortige Entwicklung - auch auf die Arbeit des Förderkreises Topf & Söhne. Über die Rolle des lediglich "Antreibenden und Abschiebenden", in der sich H. Topf selbst sieht, hinaus, verfolgt er natürlich auch eigene Interessen. Er ist an neuen Erkenntnissen über die Familien- und Firmengeschichte interessiert, die beispielsweise in Verbindung mit Vortragsreihen und wissenschaftlichen Kolloquien erarbeitet beziehungsweise präsentiert werden. Gleichzeitig beeinflusst er die Haltungen und Handlungen anderer Personen - sei es dadurch, dass er sich und seine Art des Umgangs mit der NS-Vergangenheit vorstellt, oder seine Interpretation der Unternehmensgeschichte und der Rolle, die die Firmeninhaber spielten, weitergibt. Zwischen seinem Bemühen, die einseitige Sicht auf die Firmeninhaber zu überwinden, und seinen Ambitionen, die eigene Familie wieder in Erfurt einzuführen, mag ebenfalls ein Zusammenhang bestehen. H. Topfs aus eigenen Erlebnissen und Erfahrungen sowie aus seinen familiären Bindungen resultierenden persönlichen Verarbeitungs- und Handlungsmuster und seine sich daraus ergebende individuelle Beurteilung einzelner Akteure seiner Elterngeneration ändern nichts an der Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Präsenz in Erfurt. Das Engagement desjenigen, der der Firma Topf & Söhne - und damit auch dem Gegenstand des Förderkreises - über die bloße Namensgleichheit hinaus familiär und emotional verbunden ist, ist eine Bereicherung. H. Topf hat durch sein Auftreten entscheidend mit dazu beigetragen, dass die Problematik des Unternehmens und die Frage, was mit dem Firmengelände geschehen soll, thematisiert wird. Seine Meinung ist bei Sitzungen des Förderkreises ebenso gefragt wie bei öffentlichen Veranstaltungen. In die Gedenkinitiative fließen dadurch die Erfahrungen, das Wissen und die subjektive Sicht eines Mannes ein, der sich seit langem mit der vielschichtigen und widersprüchlichen Familien- und Firmengeschichte auseinandersetzt. Die Mitwirkung eines Familienangehörigen und die Tatsache, dass sich in Erfurt ein Förderkreis zusammengefunden hat, der sich für die Markierung eines "Täterortes" einsetzt, machen diese Initiative zu einer Besonderheit, die ihresgleichen sucht. Literaturverzeichnis
Fußnoten
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