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Rüdiger Stutz "Welche Entwicklungsprojekte und Unternehmenskulturen förderten die Wirtschaftsberater der NS-Gauleitung Thüringen zwischen 1936 und 1945?"Vortrag in der Kleinen Synagoge, Erfurt, 20. Juni 00 "Niemals vergessen, dass in Dessau Zyklon B hergestellt wurde", war ein kleiner Zeitungsartikel überschrieben, durch den ich auf eine weitere lokale Initiative zur Erinnerung an "Täterorte" in den neuen Bundesländern aufmerksam geworden bin. Darin hieß es, dass es weder den Einwohnern noch den Besuchern der Stadt an der Mulde bekannt sei, dass fast die gesamte Menge des in den Vernichtungslagern eingesetzten Blausäurederivats Zyklon B in einer Dessauer Zuckerraffinerie hergestellt worden ist. Produziert wurde es im Auftrage der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung. Nach diesem Zeitungsartikel hätte eine kleine Forschungsgruppe seit drei Jahren an der Fertigstellung einer wissenschaftlichen Publikation gearbeitet und um die Errichtung eines "Mahn- und Gedenkpunktes inmitten der Stadt" gekämpft. Die Intentionen der Projektmacher liefen darauf hinaus, den "Mahn- und Gedenkpunkt" - eine m. E. recht hölzern klingende Bezeichnung - in der Form einer großen Dose im Stadtpark aufzustellen. Denn es handele sich um einen zentral gelegenen, von Bewohnern und Touristen gleichermaßen frequentierten Ort. An einer Stele sollten nach den Vorstellungen dieser Erinnerungsinitiative Tafeln mit den Namen der mit dem Giftgas Ermordeten angebracht werden, des Weiteren eine Karte mit den Konzentrationslagern, in welchen das Zyklon B zur direkten Massenvernichtung von Menschen angewendet worden ist, eine Skizze über die Lage des Produktionsstandortes im Stadtbild von Dessau sowie ein kurzer erläuternder Text. Inzwischen wurde das Projekt im Kulturausschuss des Stadtrates von Dessau vorgestellt. Eine Empfehlung sei nicht ausgesprochen worden, es wäre aber zu einer kurzen Kontroverse gekommen: Ein CDU-Abgeordneter hätte den Satz des Informationstextes "Der Tod kam aus Dessau" bemängelt. Diese Aussage könnte dem Ansehen der Stadt schaden. Man solle besser formulieren: "Der Tod kam auch aus Dessau". Ein Stadtrat der FDP-Fraktion hätte demgegenüber gemeint, man müsse die Herstellung von Kriegsmaterialien und von Massenvernichtungsmitteln unterschiedlich bewerten, was möglicherweise auf die Produktion von Kriegsflugzeugen in den weltberühmten Junkers Flugzeug- und Motoren-Werken anspielte. Außerdem seien in der NS-Zeit alle zum Mitmachen gezwungen gewesen. Das sei eben so gewesen, schließlich hätte sich Deutschland im Kriegszustand befunden. Die stellv. Ausschuss-Vorsitzende versuchte die Wogen zu glätten, in dem sie auf die ausgezeichnete Begutachtung des eingereichten Projektmaterials verwies. Die PDS-Mitglieder des Ausschusses schwiegen sich in dieser Debatte aus. [1] Dieser kleine Zeitungsartikel verweist uns auf drei Aspekte, die auch für den Erfurter Förderkreis von Interesse sein dürften:
* Gestatten Sie mir nun, meine Damen und Herren, auf die Leitfrage des heutigen Vortrages zurückzukommen. Ich möchte an einem Thüringer Fallbeispiel die wechselseitige Beeinflussung von "Ingenieurgeist" und nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik aufzeigen. "Der Nationalsozialismus ist eines der großen Themen dieser Jahre; Technik, Wissenschaft, ihre Folgen für die Gesellschaft und die Möglichkeiten ihrer politischen Kontrolle sind ein anderes. Doch der Zusammenhang dieser beiden Komplexe wird in der öffentlichen Diskussion selten hergestellt. Von der `Deutschen Wissenschaft` und vom ´Missbrauch´ kann man gelegentlich lesen oder hören, aber wenig mehr. Die Zusammenhänge aber gehen viel tiefer." [2] Mit diesen Worten leiteten Herbert Mehrtens und Steffen Richter ihre Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte ein. Diese beiden Wissenschaftshistoriker unternahmen 1980 den systematischen Versuch, mit den Methoden ihres Faches der Komplexität von Naturwissenschaft, Technik und Nationalsozialismus gerecht zu werden. Über die Einstellungs- und Erwartungslagen der Ingenieure in dieser zeitgeschichtlichen Periode hatte Karl-Heinz Ludwig in seiner bekanntesten Arbeit zur Technik-Geschichte im "Dritten Reich" bereits vordem zusammengefasst: "Die nationalsozialistische Propaganda einer neuartigen Form gesellschaftlicher Technikanwendung vermochte das Dritte Reich in seiner Genesis mitzubestimmen und später partiell auch zu stabilisieren. Gleichzeitig war die ursprüngliche Hoffnung vieler Ingenieure, ein starker Staat werde dem Kapitalismus .... Schranken setzen, seit 1933 getäuscht und in der Rüstungsdestruktion schließlich pervertiert worden." [3] Die dezidierten Parteiingenieure schlossen sich nach dieser Darstellung vor dem 3o. Januar 1933 dem "verhinderten Programmatiker" der NSDAP; Gottfried Feder, an. Sie knüpften am angedeuteten traditionellen technischen Antikapitalismus ihrer Berufsgenossen an und suchten im politischen Raum "nach der gemeinnützigen Funktionalität der Technik." [4] So bewegten sie sich im Zwiespalt ihres sozialrevolutionären Selbstverständnisses auf der einen Seite und dem Bekenntnis der gesamten Profession zum "Kulturwert" der Technik auf der anderen Seite. Denn gemäß ihrer Wertmuster trachteten die Ingenieure und Techniker nach größerer gesellschaftlicher Anerkennung und nach ihrer Aufwertung als "Kulturträger des deutschen Volkes", hauptsächlich im Vergleich zu den Juristen, Akademikern und klassischen Unternehmern. Diese Fixierung der ingenieurtechnischen Intelligenz auf "Gemeinwohl" und "Gemeinschaft" korrespondierte freilich mit der Volksgemeinschafts-Ideologie des Nationalsozialismus, was Fritz Todt nach der Ausbootung von G. Feder für die politische Integrationskraft seines Nationalsozialistischen Bundes Deutscher Technik unter Ingenieuren und Technikern weidlich auszunutzen verstand. [5] Während die NSDAP also unter der ingenieurtechnischen Intelligenz vorübergehend beträchtlichen Einfluss zu gewinnen vermochte, blieb ihr ein Einbruch unter der Mehrheit der Industriemanager und Unternehmer bis Mitte der dreißiger Jahre versagt. Gewiss, wir kennen das Beispiel der Klipp- und Winkel-Unternehmer im Verein Sächsischer Industrieller, die schon 1926 nach Benito Mussolini gerufen hatten. Aber dabei handelte es sich nun wirklich nicht um den verbändepolitischen Kern der deutschen Wirtschaftselite. Deshalb wurde in den Gauleitungen der NSDAP den Personalbesetzungen in der Behörde des nationalsozialistischen Gauwirtschaftsberaters mit fachlich erfahrenen und parteiverbundenen Unternehmern, Managern und Ingenieuren eine erstrangige Bedeutung beigemessen. "Die Aufgaben ´des Gauwirtschaftsapparates´ erstreckten sich bei mehr theoretischen Erörterungen auch auf Fragen der Gesamt- und Großwirtschaft, aber in der Praxis vorzüglich auf die mittelständische Wirtschaft. Betroffen von den Aktivitäten waren Betriebe von Handel, Handwerk und Gewerbe, im Kriege auch dem Reichsnährstand zugeordnete Betriebe, ferner Haus- und Grundeigentum, unter Vorbehalten des Reichswirtschaftsministeriums Kaufhäuser und Einheitspreisgeschäfte, nicht aber Unternehmen mit mehr als tausend Arbeitnehmern, Konzerne und die Gaugrenzen überschreitende Filialketten. Bei der Mitwirkung an der Neuordnung der Wirtschaftsorganisation kam für den GWB auch die Großindustrie in den Blick. Die haupt- und ehrenamtlichen Funktionäre waren Leute mit einem durch Ausbildung und berufliche Tätigkeit erworbenen Verständnis für ihre (wirtschaftspolitischen) Aufgaben. Die ehrenamtlichen Wirtschaftsberater und Mitarbeiter waren von Beruf Betriebsführer in Handel, Handwerk, Gewerbe und Kreditwesen, Wirtschaftstreuhänder, Angehörige der wirtschaftlichen Selbstverwaltung, vereinzelt Beamte und Parteifunktionäre, die Diplom-Ingenieure, Bergingenieure, Erzverwertungsfachleute, gelegentlich ortskundige Beamte und Parteifunktionäre. Die Einstellung des Gauwirtschaftsapparates zu Großbetrieben war (eher) distanziert.... Als ausführende Kraft war der Gauwirtschaftsapparat ein Instrument des Gauleiters und der Kreisleiter, der Reichsleitung und der Führung des (Staates). Der Gauleiter ließ sich (also) in wirtschaftspolitischen Fragen beraten, was leicht mündlich geschehen konnte und deshalb nur selten aktenkundig geworden ist." [6] Zu diesen Einschätzungen gelangte Gerhard Kratzsch in seiner Fallstudie zum Gauwirtschafsapparat der NSDAP Westfalen-Süd. In Thüringen bekleideten zwischen 1932 und Anfang der vierziger Jahre Otto Eberhardt (1890-1939) und Walther Schieber (1896-1960) diese Funktion eines Gauwirtschaftsberaters der NSDAP:
An der Wirtschaftspolitik der NSDAP im Gau Thüringen erscheint mir besonders eine Art Arbeitsteilung bemerkenswert, die sich zwischen der Behörde des Reichsstatthalters mit dem ausgefuchsten Juristen Erich Buchmann an der Spitze einerseits und dem Gauwirtschaftsapparat andererseits herausgebildet hat. So managte der Gauwirtschaftsberater im Verein mit den Kreiswirtschaftsberatern bei den NSDAP-Kreisleitungen und seinen industriellen Beratern in der zweiten Hälfte der 30er Jahre das Ersatzstoffprogramm des Vierjahresplanes und bereitete im Gau Thüringen die Enteignungen jüdischer Geschäftsleute entsprechend der Vorgaben des Reichswirtschaftsministeriums und des Beauftragten für den Vierjahresplan vor. [9] Der Behördenapparat des Reichsstatthalters und Gauleiters konzentrierte sich demgegenüber auf den sukzessiven Ausbau des Gustloff-Konzerns. Am 27. Mai 1936 war auf Drängen F. Sauckels, der sich dabei stets auf einen "Führerbefehl" berief, in Weimar eine Industriestiftung errichtet worden, deren industrielles Vermögen auf der Enteignung und Quasi-Verstaatlichung der vormals in jüdischem Besitz befindlichen Suhler Simson-Werke basierte. Durch Schützenhilfe des Reichskriegsministers Werner von Blomberg und des persönlichen Beraters von Hermann Göring in Fragen der Durchführung des Vierjahresplanes, Wilhelm Keppler, war es F. Sauckel gelungen, die emigrierte Familie Simson zur Verschleuderung ihres Werkes zu zwingen. A. Hitler ernannte den Gauleiter von Thüringen am 10. September 1936 zum Stiftungsführer der neu gegründeten Wilhelm-Gustloff-Stiftung, deren Finanzausschuss wiederum die Gauwirtschaftsberater vorstanden, die somit die Mittel des Stiftungsfonds verwalteten. Diese Stiftung wurde mit Wirkung vom 1. Januar 1939 aus steuerrechtlichen und statutarischen Erwägungen in die "Gustloff-Werke. Nationalsozialistische Industriestiftung" umgewandelt. [10] Zug um Zug erwuchs in diesem Rahmen ein überregionaler Rüstungskonzern für die Fertigung von Handfeuerwaffen, Militärfahrzeugen und Ausrüstungsteilen der Flugzeug- und Raketenindustrie, was maßgeblich dazu beigetragen hat, Mitteldeutschland zu einer vorrangigen Grundstoffverwertungs- und Endfertigungsregion der Kriegswirtschaft des Großdeutschen Reiches auszubauen. [11] Die Wilhelm-Gustloff-Stiftung hielt auch als Hauptgesellschafter die Anteilsmehrheit der Ventimotor GmbH. Weimar. Über einen Kleinstanteil dieser Gesellschaft verfügte außerdem ihr Geschäftsführer, der bereits eingeführte Gauwirtschaftsberater W. Schieber. Der gab denn auch mitten im Krieg, im Jahre 1941, mutmaßlich aus Mitteln des Reichsministers für Bewaffung und Munition finanziert, eine kleine Veröffentlichung über die Forschungsarbeiten dieser Ventimoter GmbH. heraus. [12] Auf dem Versuchsgelände dieser Gustloff-Tochter beschäftigten sich deren Ingenieure mit der Verbesserung des Wirkungsgrades der damaligen Windräder und Windturbinen, um die Propellerblätter von Kleinwindkraftanlagen effektiver für die Energieumwandlung ausnutzen zu können. Sie wurden dabei vom Leiter der aerodynamischen Abteilung der Ingenieurschule Weimar, Ulrich Hütter, unterstützt [13], der in der Bundesrepublik Deutschland zum "Windpapst" schlechthin aufsteigen sollte. Was W. Schieber dem Leser in dieser Publikation verschwieg, offenbaren uns Dokumente des Bestandes "Wilhelm Gustloff Werke. Nationalsozialistische Industriestiftung" aus dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar. [14] Der Entwicklung solcher Kleinwindkraftanlagen wurde nicht nur seitens diverser staatlicher Stellen, des Gauleiters der NSDAP Thüringen und Rüstungsministers Albert Speer großes Interesse entgegengebracht und durch den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, mitfinanziert; vielmehr sollten diese Windräder nebst Hochleistungsakkumulatoren zur Energiespeicherung vornehmlich in den von der Wehrmacht okkupierten Ostgebieten Polens und der Sowjetunion aufgestellt, erprobt und eingesetzt werden. Tatsächlich erfahren wir aus dem jüngst edierten "Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941/42", dass sich der SS-Standartenführer Dr. W. Schieber am 6. März 1941 mit dem Reichsführer SS zu einer Besprechung getroffen hat. In ihr ging es nach dieser Quelle u.a. um Fragen eines "Windmotors". [15] In der erwähnten Broschüre W. Schiebers hieß es noch euphemistisch: "Es ist ein genialer Gedanke, die großen Gebiete im Osten wirtschaftlich zu erschließen und ihren Siedlern die Annehmlichkeiten der Zivilisation und die Unterstützung der Technik zu geben, ohne dabei die Methoden des riesigen Verbrauchs an Kohle und des Baues von Fernleitungen anzuwenden. ... Die Windkraft hat plötzlich durch die Erweiterung unseres Ostraumes Aufgaben erhalten, die wiederum über die Begrenzung auf den Osten hinausgehen." [16] Die Ingenieure um W. Schieber erstrebten einen vergleichsweise hohen Wirkungsgrad dieser Kleinwindkraftanlagen und die rasche Modernisierung der dem zugrundeliegenden Technologie. Der Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie zeigte sich demzufolge u. E. weniger im Rückgriff auf diese an sich "mittelalterliche" Technik, sondern in dem Bemühen, energetisch autarke Bauernwirtschaften zu ermöglichen. Hier übernahmen Gauwirtschaft und -technik die Aufgabe, zur Erhaltung eherner "deutscher Kulturwerte" beizutragen. So diente etwa das ebenfalls von W. Schieber über Jahre geleitete Schwarzaer Werk der Thüringischen Zellwolle AG. in seinen Augen eben nicht nur der schnöden Ersatzstoffgewinnung. Vielmehr galt es auf diese Weise auch den "deutschen Wald" zu erhalten und damit ein wichtiges Symbol des nationalsozialistischen Wertekosmos. Die aerodynamische Verbesserung der Propeller der Ventimotor GmbH. sollten in diesem Verständnis helfen, die bäuerliche Landwirtschaft wieder rentabel und als "Familienbetrieb" konkurrenzfähig zu machen. Letzteres meint hier natürlich den "erbgesunden", "fortpflanzungsfreudigen" und stadtfernen Kleinbetrieb deutscher Bauernfamilien. Ihm sollte mit dem Ventimotor-Projekt das Tor zu einer von der SS-Führung vorgeplanten Zukunft geöffnet und damit zugleich eine dauerhafte Existenzgrundlage gesichert werden. Denn es ging letztlich um den Aufbau der energetischen Infrastruktur für die im osteuropäischen Okkupationsraum zu errichtenden "Wehrbauernhöfe". Ferner kann man der zitierten Textstelle aus der Schieber-Broschüre entnehmen, dass der spätere Brigadeführer der SS die eroberten Ostgebiete nicht als periphere "Spielwiese" der Reichsführung dieser Parteigliederung angesehen hat. Denn der Zusammenhang mit den Herrschaftsverhältnissen im sog. "Altreich" liegt auf der Hand: die ukrainischen und russischen Rohstoffressourcen mussten dauerhaft dem Kern des Großgermanischen Reiches gesichert werden, um den auf fünfzehn Jahre angedachten "großen Krieg" mit den Überseemächten durchhalten und gewinnen zu können. Insofern kam dem ingenieurtechnischen Erfinderdrang der kleinen Weimarer Versuchsfirma entgegen, dass in den fernen Räumen des Ostens ein wesentlicher Vorteil ihrer energiewirtschaftlichen Konkurrenztechnologien entfiel, nämlich die kostengünstigeren Überlandzentralen der großen Stromversorger in Mitteleuropa. Außerdem hätte nach dem Willen der Schieber & Co. den Wehrbauernhöfen ausreichend Stahl aus den besetzten sowjetischen Hüttenwerken zur Errichtung ihrer Windkrafttürme zur Verfügung gestanden. Natürlich mussten die Arbeiten auf dem Weimarer Versuchsfeld im Zuge der Ausweitung der Kriegführung spätestens im Jahre 1944 aufgegeben werden. Die Ingenieure der Ventimotor GmbH. wurden auf ihr Drängen hin in rüstungswichtigere Betriebe des Gustloff-Konzerns versetzt. Überhaupt griff unter der ingenieurtechnischen Intelligenz nach Einschätzung von K.-H. Ludwig eine zunehmende Desillusionierung über den Stellenwert "deutscher Technik" um sich. Eine Ausnahme bildeten da wohl nur jene Ingenieure und Techniker, die in Großprojekten der "Big science" wie das A 4-Programm eingebunden blieben. Vermutlich haben die meisten Ingenieure, Techniker und Naturwissenschaftler die NS-Ideologie im "Dritten Reich" als Parteiauffassung abgelehnt, auch die antisemitischen Ausschreitungen in der Pogromnacht von 1938 und den Krieg, zumindest seitdem dieser allnächtlich nach Deutschland "heimkehrte". Sie stritten mit den Parteifunktionären um die Erhaltung ihrer Forschungsautonomie und fachmethodischen Rationalität, eben um eine professionelle "Freiheit des Urteils", um mehr nicht. Für politischen Widerstand wäre wohl nur vor 1933 Gelegenheit gewesen. Dennoch haben sie sich durch ihre Zusammenarbeit mit den Krauchs und Schiebers in die nationalsozialistische Herrschaft eingefügt, sie nach außen vertreten und fachlich unterstützt. Der bereits angeführte H. Mehrtens nannte dies Kollaboration. [17] Wer diese Wahrheit verbergen wolle, spreche vom Missbrauch der Wissenschaft und Technik durch die Politik, äußerte Klemens Polatschek in einem Zeitungsartikel, der 1992 aus Anlass der 50. Wiederkehr des ersten Starts der Flüssigkeitsrakete A 4 auf dem Gelände der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde-Ost erschienen ist. In diesem Essay polemisierte K. Polatschek gegen die säuberliche Scheidung zwischen guter Technik an sich und ihrer schlechten Verwertung in der Waffenproduktion. Diese Art Bewusstseinspaltung in der Wahrnehmung von Technik würde im Falle des öffentlichen Gedenkens an die Entwicklung und Herstellung der später V 2 genannten Fernrakete sogar dazu führen, die Erinnerung an die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in der unterirdischen Stollenanlage der Mittelwerk GmbH bei Nordhausen gleichsam aus der Gesellschaft zu "verlagern". "Saubere Ingenieurleistung" in Peenemünde, "schmutzige Waffe" in Nordhausen, bemerkte die Leiterin der Gedenkstätte Dora-Mittelbau dazu und fügte die Frage an, ob nicht der Gedanke nahe läge, eine Angleichung der historischen Aussage der Denkmäler Peenemünde und Nordhausen wenigstens zu versuchen. Sie glaube aber, dass eine vordergründige Bevorzugung der Interessen der Bratwurstverkäufer auf Usedom nicht zu akzeptieren sei. [18] Denn seit 1991 sammelten zwei frühere Majore der DDR-Luftstreitkräfte auf dem Gelände der ehemaligen Erprobungsbasen Peenemünde-Ost und -West Überreste und Sachzeugen der A 4-Ära, um damit ein "Historisch-technisches Informationszentrum" im nördlichen Teil der Insel Usedom zu bestücken. Wie aus der umlaufenden Broschüre unschwer abzulesen ist, ging es den beiden Hobby-Enthusiasten um eine Würdigung des "Geburtsortes der Raumfahrt". [19] In dieser kleinen Publikation ist auch vom "Missbrauch" der Raketentechnik die Rede, so als wäre ihr erst in den Jahren 1944/45 die "Unschuld" geraubt worden. Während der hochverehrte Herr Chefingenieur in Peenemünde vom Mondflug träumte, hätte die SS in Nordhausen Häftlinge zu Baumaßnahmen angetrieben und in der Serienfertigung eingesetzt; oder - fernab der eigentlichen, in die Zukunft der Menschheit weisenden Tat wäre es im Harz zum "Sündenfall" gekommen. Wir können heute dank Michael Neufeld und Rainer Eisfeld genauer nachvollziehen, dass dies lediglich einer sorgsam gepflegten Legende entspricht. [20] Die Schatten der in den Stollen des Kohnstein Gequälten und Verreckten müssen wir uns jedenfalls mit an Bord der Apollo 13 denken. Doch wir können es auch nicht bei einer Kritik der verklärten Bemühungen zweier früherer NVA-Offiziere belassen. Das von ihnen in Peenemünde initiierte "Historisch-technische Informationszentrum" war lediglich als Kern eines wesentlich umfassenderen Projekts gedacht, nämlich eines Raumfahrtparks. Was müssen wir uns unter einem Raumfahrtpark nach dem Vorbild der US-amerikanischen "Space camps" vorstellen? Dessen wichtigster Teil sei ein Trainingszentrum, ausreichend für mehrtägige Besuchsprogramme - die Simulation der Astronautenausbildung als Freizeiterlebnis! Damit sich das ganze Projekt rechne, müssten auch ein Kongress- und Seminarzentrum und eben ein Raumfahrtmuseum entstehen, führte Dieter Genthe 1992 auf Nachfrage aus, damals Sonderbeauftragter der regierungsfinanzierten Deutschen Agentur für Raumfahrtangelegenheiten. Dieser Bonner Beauftragte erstellte zudem eine Vorstudie, in der es hieß, das Gesamtprojekt könnte dem Negativimage der Raumfahrt in der öffentlichen Meinung entgegenwirken. Schließlich hätte eine "mehr als zwanzigjährige technikfeindliche Erziehung dazu geführt, dass viele Lehrer in den alten Bundesländern über die Raumfahrt heute keinen sachlichen Unterricht (mehr) erteilen könnten." [21] Der Versuch eines Fazits: Ob nun ein solcher Vorwurf der Technikfeindlichkeit oder die eingangs zitierte Befürchtung, die Stadt Dessau könne durch den "Gedenkpunkt Zyklon B" einen Imageverlust als Zufluchtsstätte des modernen Bauens und Fertigungsort von Hochleistungsflugzeugen erleiden - alle diese Beschwichtigungsmuster beruhen auf dem "einäugigen Blick" von PR-Managern, die die Technikgeschichte entproblematisieren und damit neuerlich den "Geist" des Fortschritts beschwören. Denn die von Mark Walker im Rahmen seiner Studien über das deutsche Atomprojekt herausgestellte technologische Ambiguität des Vergesellschaftungsprozesses von Wissenschaft und Technik [22] lässt sich für die Geschichte des 20. Jahrhunderts wirklich nur noch örtlich "retuschieren". Darüber hinaus wurden die wirkungsmächtigsten kulturellen Welt- und Deutungsmuster im vergangenen Säkulum durchweg mit technizistischen oder technokratischen Argumenten untersetzt. Naturwissenschaft und Technik ordneten sich gleichsam an einer Schnittstelle in die modernen Industriegesellschaften ein, sie verweisen uns daher sowohl auf deren kulturelles Subsystem als auch auf die Sphäre der anwendungsorientierten Volkswirtschaft. Wissenschafts- und Technikideologien einerseits und technische Innovationen andererseits, friedliche und militärische Anwendungen lassen sich eben nicht fein säuberlich auseinander dividieren, schon gar nicht unter den Herrschaftsverhältnissen des Nationalsozialismus. Die Technikgeschichte in der NS-Zeit verschließt sich jeglicher Sinnstiftung. Man kann nur an die widersprüchlichen Zwecksetzungen technischer Erfindungen erinnern, die mit den Technikideologien verbundenen gesellschaftspolitischen Kontexte markieren und vor allem den bei der Entwicklung und Erprobung neuer Technologien vernutzten Opfern gedenken.
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