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[zurück] Differenzvernichtung (Kommentierende Anmerkung zu Zygmunt Bauman)

Johannes Weiß

Differenzvernichtung (Kommentierende Anmerkung zu Zygmunt Bauman)

"Ohne die moderne Kultur und ihre wichtigsten Errungenschaften gäbe es keinen Holocaust". Dieser Satz, in dem Bauman den Leitgedanken seines Buches zum Ausdruck bringt, kann mindestens dreierlei bedeuten, und es ist wichtig, diese unterschiedlichen Bedeutungen auseinanderzuhalten. Bei der ersten Lesart nämlich hätte man es mit einer recht trivialen Einsicht zu tun, und auch die zweite ist nicht geeignet, grundsätzlich Widerspruch zu erregen. Die eigentliche Herausforderung liegt in der dritten, von Bauman tatsächlich vor allem gemeinten Bedeutung des Satzes.

Trivial, wenn nicht tautologisch, wäre es, wenn nur gesagt werden sollte, daß ein Geschehen wie der Holocaust aus den besonderen Bedingungen seiner Zeit heraus erklärt werden muß. Dies läuft nämlich auf die allgemeine und gewiß selbstverständliche Behauptung hinaus, daß Ereignisse, die nach Art und Umfang als historisch singulär anzusehen sind, auf spezifische Gegebenheiten und Möglichkeiten einer bestimmten Epoche zurückgeführt werden müssen.

Die zweite Lesart geht über diese Allgemeinheit in sofern hinaus, als sie besagt, daß die technischen Voraussetzungen und Mittel eines derartigen, rational geplanten, betriebsförmig-bürokratisch organisierten und im industriellen Maßstab durchgeführten Massenmords erst in der Moderne zur Verfügung standen und zum Kernbereich ihrer "Errungenschaften" gehörten.

Die These, daß die Herrschafts-, Unterdrückungs- und Vernichtungstechnik des Nationalsozialismus von ausgeprägter (und übrigens auch bewußter) Modernität gewesen sei, ist zweifellos wichtig, aber auch einigermaßen evident und von anderen Autoren schon vor einiger Zeit vorgetragen worden. Sie ist auch ein Element der Baumanschen Argumentation, nicht aber deren eigentlicher, unterscheidbarer Inhalt. Bauman behauptet vielmehr, daß nicht nur die Mittel, sondern auch die Leitidee und Zwecke dieses Massenmordes ganz und gar modern seien. Es erscheint Bauman ganz falsch, diese Leitideen und Zwecke, wie durchaus üblich, als einen Rückfall in vormoderne, womöglich archaische oder gar atavistische Denkweisen und Motivlagen, oder aber als Ausdruck eines mehr oder minder bewußten und programmatischen Antimodernismus zu interpretieren.

Diese Argumentation Baumans gewinnt zusätzliche Plausibilität, wenn man von der Einsicht ausgeht, daß die moderne Kultur sich nicht auf ein kohärentes, also sich in allem widerspruchsfreies und auch progressives Programm (etwa im Sinne des "Projekts der Moderne" von Jürgen Habermas) reduzieren läßt, sondern durch mehrere und gleich ursprüngliche Antinomien, also unauflösliche Gegensätze, gekennzeichnet ist (1). Die am meisten fundamentale und jener Kohärenzvorstellung am meisten widersprechende Antinomie ist die zwischen einem Universalismus der Gleichheit und einem Universalismus der Differenz. Modern ist eben nicht nur die Annahme, daß es eine elementare Gleichheit der Menschen gebe, und daß diese Gleichheit (als Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit) die Grundlage jeder wahrhaft vernünftigen Ordnung auf dem Felde der Moral, aber auch der Politik und des Rechts bilden müsse. Ganz modern ist vielmehr auch die entgegengesetzte Annahme, daß es ein universelles Recht auf Behauptung und Bewahrung von Besonderheit oder Differenz gebe und daß dieses Recht sowohl einzelnen Menschen, als auch den Lebensformen sozialer Gruppen (bis hin zu ganzen Völkern und Kulturen) zukomme.

Diese beiden gegensätzlichen Prinzipien lassen sich nicht versöhnen oder in eine höhere Einheit aufheben. Da sie beide gelten sollen (und müssen), besteht die einzige Möglichkeit, mit ihnen einsichtig umzugehen, darin, ihren jeweiligen Geltungsbereich zu bestimmen und so etwas wie eine - immer prekäre - "stabilisierte Spannung" zwischen ihnen zu erhalten.

Demgegenüber sind, so scheint mir, die beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts als Versuche zu interpretieren, aus dieser Antinomie herauszukommen, daß entweder das eine oder das andere Prinzip absolut - und mit allen Mitteln und mit aller Gewalt durchgesetzt wird. Der Sowjetkommunismus zielte darauf ab, die Gleichheit aller Menschen, die Einheit der einen Menschenkultur und die Einheitlichkeit aller Lebens- und Sozialformen in Tat und Wahrheit zu verwirklichen. Diesem ausdrücklich (und nicht ohne jedes Recht) auf die Aufklärung und die französische Revolution zurückgeführten Programm setzte der Nationalsozialismus die radikale Absage an den Universalismus der Gleichheit und die Behauptung der absoluten Unvergleichlichkeit und Überlegenheit einer Rasse entgegen.

Im ersten Fall geht es also darum, die Vielfalt der Denk-, Handlungs- und Lebensformen durch eine wissenschaftlich begründete und deshalb universell verbindliche Weltanschauung und Sozialordnung zu überwinden, also entweder ideologisch und politisch zu neutralisieren oder, wenn dies nicht gelingt, einschließlich ihrer Trägergruppen zu liquidieren. Im Falle des Nationalsozialismus dagegen wird einer Weltanschauung und Herrschaftsordnung nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Besonderheit (also Nichtuniversalisierbarkeit) die Aufgabe zugewiesen, die neue Gesellschaft in Gestalt einer absolut homogenen Volksgemeinschaft zu verwirklichen und alle widerständigen Differenz- und Universalitätsbehauptungen, wiederum einschließlich der sie tragenden Individuen und Gruppen, mit allen Mitteln, und nach Innen und außen, zu bekämpfen. Daß die derart verabsolutierte Besonderheit aus Rassemerkmalen, also naturalistisch respektive biologistisch, abgeleitet wird, erklärt sowohl die Bedingungslosigkeit und den Mangel an rationaler Begründung der hier praktizierten Ausgrenzung als auch die originäre und ganz offene Brutalität ihrer Durchführung.

Beide Totalitarismen reagieren auf dasselbe Problem der modernen Kultur, und sie bedienen sich seiner gewaltsamen, und tatsächlich nur gewaltsam möglichen "Lösung" in vieler Hinsicht gleicher oder doch ähnlicher Mittel. Allerdings setzen sie, wie beschrieben, dabei an den entgegengesetzten Polen jener Antinomie an, und daraus ergeben sich sehr wichtige Unterschiede nicht nur in der ideologischen Rechtfertigung, sondern auch in den Erscheinungs- und Durchsetzungsformen physischer Gewaltsamkeit. Im übrigen war, aus verständlichen Gründen, der "Universalismus der Gleichheit" das Credo großer Teile der Kulturintelligenz auch in den westlichen Ländern, und das erklärt, warum so viele ihrer Angehörigen sich so lange, und teilweise bis heute, nicht zu einer prinzipiellen Kritik des Sowjetkommunismus und erst recht nicht zu seiner Beschreibung als Totalitarismus bereit finden wollen.

(1) Vgl. J.Weiß, Vernunft und Vernichtung. Zur Philosophie und Soziologie der Moderne, Opladen 1993, 148ff sowie J. Weiß, Antinomien in der Moderne, N.Müller/ H.-G.Soeffner, Hrg., Modernität und Barbarei, Frankfurt/M 1996, 211-21.