1997 habe ich mit einem schriftlich niedergelegtem Konzept in Erfurt für eine
Auseinandersetzung mit der Geschichte der Firma Topf & Söhne geworben.
Ich bin gebeten worden, mein Verständnis von Topf & Söhne, Holocaust
und Moderne einmal zu erläutern und ich danke den Organisatoren des heutigen
Abends für diese Gelegenheit.
Ich werde mich darauf beschränken, den Sinnzusammenhang zu klären, warum
ich das Thema Topf & Söhne in dieser Weise angegangen bin und warum ich in
den Begriff der Moderne, heute würde ich lieber sagen: der Modernität mit Topf
& Söhne und dem Holocaust in Verbindung gebracht habe. Mit Modernität
meine ich hier die in Handlung übersetzte Haltung, die sich aus der Moderne
heraus erklären läßt.
Um es gleich vorweg zu nehmen: Mir scheinen die Fragestellungen,
einschließlich der kritischen Positionen, die sich aus der Verbindung von
Holocaust und Modernität ergeben als geeignet dafür, einen nachhaltigen,
intensiven und breiten Diskurs darüber anzuregen, was der Holocaust für uns
heute bedeutet.
Es geht mir also nicht darum, ein bestimmtes Erklärungsmodell zu
postulieren, sondern das Fragen und Forschen darüber zu fördern, welche
Spuren der Holocaust in Geschichte und Gegenwart zeichnet.
In meiner Einladung zum heutigen Treffen stand, daß es um eine „Kontroverse"
gehen soll, ob „Begriffe und Theorie der Moderne geeignet sind, den Holocaust
angemessen zu verstehen".
In diesem formulierten Anspruch sehe ich insbesondere zwei Problemfelder:
1. Was ist ein „angemessenes" Verstehen des Holocaust? Ich denke, daß
es eine Angemessenheit des Verstehens des Holocaust im Sinne eines
Verstehensprozesses, der dem Ereignis des Holocaust quasi gerecht wird, nicht
geben kann. Den Holocaust nämlich, gab es als ein geschlossenes,
einheitliches Ereignis ja gar nicht, übrigens genauso wenig wie die
Moderne ein einheitliche Epoche darstellt.
Was ich damit sagen möchte ist: ein angemessenes Verstehen des Holocaust,
der sich ja in viele in ihrem Charakter durch zum Teil völlig unterschiedliche
„Werkzeuge" und Mechanismen geprägte „Vernichtungshandlungen"
aufteilt, also zu dem sowohl die Ausgrenzungspolitik der Nazis gehört, als auch
die Verfolgung, das Lagersystem mit der systematischen Vernichtung durch Gas
ebenso, wie die Massenerschießungen in Osteuropa und Rußland und in unserem
Fall die ökonomische Seite der Vernichtung, also das ein Verstehen des
Holocaust nur aus einer temporären Sicht auf Teilbereiche angemessen sein kann,
und das darüber hinaus die Relativität dieses Verstehens stets
mitberücksichtigt werden muß.
Angemessen sollte aber auch der Einsatz und die Nachhaltigkeit sein, mit der
wir uns unserer Verantwortung verpflichtet fühlen, das Forschen nach Antworten
und das Fragen kompromisslos fortzusetzen und öffentlich zu machen.
Und dabei sehe ich ein zweites Problemfeld, das sich mir in der Formulierung
des Einladungstextes eröffnet:
2. Es gibt weder eine (und dies meint eine anerkannte) Theorie der
Moderne, jedenfalls soweit es mich betrifft, kenne ich keine solche, noch
existieren allgemeingültige und anerkannte Begriffe der Moderne. Lediglich
einige Autoren, Gesellschaftswissenschaftler, Historiker oder Philosophen,
schreiben unterschiedliche Geschichten über die Entwicklung der Gesellschaft
(und da beziehen diese Autoren sich fast ausschließlich auf die
mitteleuropäische bzw. angloamerikanische Gesellschaft), die man in unserer
heutigen Form im allgemeinen als „modern" bezeichnet.
Ich denke, es würde den heutigen Abend sprengen und unserer Sache nicht
dienlich sein, wenn wir uns darüber unterhalten würden, welche der zum Teil
doch stark divergierenden Geschichten der Entwicklung unserer Gesellschaft hier
in diesem Kreis einen Konsens finden kann. Wir wären wie die Blinden, die, um
einen Elefant stehend und mit der Hand ein Bein, Schwanz, Rüssel oder Ohr des
Tieres greifend, versuchten, seine Gestalt zu beschreiben.
Wenn wir also berücksichtigen, wie fragmentarisch unsere Sicht auf den
Holocaust am Ende bleibt, so meine ich, daß in diesem Zusammenhang die Ansätze
Zygmunt Baumans, der nicht nur behauptet, daß das Herrschafts- Unterdrückungs-
und Vernichtungssystem von ausgeprägter Modernität war, sondern, daß auch die
Leitideen und Zwecke des Verwaltungsmassenmordes ganz und gar modern seien
ebenso bedenkenswert sind, wie Hanno Loewys Einwand, daß mit der Wandlung des
Prinzips der Verwertung von Arbeitskraft zu einer Verwertung der Arbeitenden
also ihrer Vernichtung selbst ein radikaler Bruch mit den rationalen
ökonomischen Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft vollzogen wurde. (Hanno
Loewy: Holocaust - Die Grenzen des Verstehens, Reinbeck bei Hamburg, 1992,
S.15f) Dieser Kritik am Rationalitätsbegriff von Bauman schließt sich
Michael Schäfer an und fordert eine genaue Differenzierung verschiedener Formen
von Rationalität, um eine pauschale Verurteilung zu vermeiden. (Zygmunt Bauman: Die Rationalität, die Moderne und der Holocaust in: Genozid und
Moderne, Mihran Debag, Kkristin Platt, Opladen 1998, S.120)
Häufig wird aber gerade bei den Kritikern der „Moderne-Thesen" eine
Engführung hin zu einer Kritik am Rationalitätsbegriff betrieben.
Meines Erachtens zeigt sich im Holocaust eine Verknüpfung von vormodernem
Denken, mit modernem Handeln mittels erst in der Moderne bereitgestellter
Instrumente, mit anderen Worten um eine Verbindung von Ideologie und
ökonomischem Prinzip.
Die Moderne entwickelte aber auch noch weitere widersprüchliche und
miteinander unversöhnliche Ideen, etwa die von der Universalität der
Gleichheit, im Sinne von Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit und als deren
Gegenpart jene von der Universalität der Differenz, als Behauptung und
Bewahrung von Unterschieden zwischen Individuen und Gruppen. Auf dieses zweite
Prinzip gründete sich, so Johannes Weiß, der Anspruch der Nationalsozialisten,
wegen der in ihren Augen herrschenden Besonderheit der arischen Rasse eine
Homogenisierung der Volksgemeinschaft zu verwirklichen und widerständige
Differenzbehauptungen mit allen Mitteln zu bekämpfen (Johannes Weiß in
einem Brief an den Autor). Götz Aly und Susanne Heim weisen in diesem
Zusammenhang darauf hin, daß die Nationalsozialisten „über bis ins Detail
durchdachte Theorien [ verfügten]
, wie ganze gesellschaftliche Klassen, Minoritäten und Völker ‘umgeschichtet’
und dezimiert werden sollten" (Götz Aly/Susanne Heim: Vordenker der
Vernichtung, Hamburg 1991, S.10)
Anders als beispielsweise in England oder auch den USA wurde in Deutschland
gesellschaftliche Entwicklung und Modernisierung überwiegend vom Staat
vorangetrieben. Folgt man Richard Münch war es in Deutschland die
Selbstbehauptung im europäischen Konkurrenzkampf, die Industrialisierung, die
Verbreitung von Wissenschaft und die Staatsbildung wesentlich beeinflußte.
Staatsbürgerliche Bürokratie, Rationalisierung des Rechtssystems, die Ordnung
der Wissenschaften und die Sozialgesetzgebung Bismarcks waren Merkmale einer
staatsgeführten Modernisierung.
Dabei sind Gehorsam, Disziplin und Ordnung in ihrer Verbindung mit
gesellschaftlichem Rollenhandeln und staatlicher Machtpolitik die Garanten für
die Stabilität der Gesellschaft gewesen. (Richard Münch: Die Kultur der
Moderne, Frankfurt/M, 1993, S.713)
Hier muß auch die Aufklärung, die in ihrem Kern die geistige und politische
Selbstbestimmung durch die menschliche Vernunft und die Befreiung von allen
subjektiv nicht nachvollziehbaren Autoritäten (Metzler Philosophie Lexikon)
einfordert, auf die Frage hin untersucht werden, warum sie es in Deutschland bis
in die 20er und 30er Jahre diese Jahrhunderts offensichtlich nicht vermocht hat,
Luthers Protestantismus (zwei Reiche Lehre, der Mensch als ein Gefäß Gottes)
zu überwinden, der die Menschen zu einer Anpassung an die herrschenden
Gegebenheiten anhielt und das Bündnis zwischen Staat und Kirche einging. Die
„bürokratische Zwangsveranstaltung" (Kirchenmitgliedschaft =
Untertanenpflicht, (Münch S.709) des lutherischen Protestantismus (cuius regio, eius
religio, (Münch S.711)), hatte, so deutet es Richard Münch,
direkte Auswirkung auf die Art der gemeinschaftlichen Institutionen und
gesellschaftlichen Träger. Münch leitet aus diesem Umstand eine speziell sich
in Deutschland entwickelnde Obrigkeitshörigkeit ab, die zunächst besonders im
preußischen Beamtentum und später im Nationalsozialismus bedeutsam wird (S.686ff).
Burkhard Liebsch formuliert die Frage so: „Hätte sich die Kraft des
Widerstands nicht aus einer für jegliches soziales Leben unverzichtbaren,
allerdings der sozialisatorischen und politischen Unterstützung bedürftigen
Nicht-Gleichgültigkeit speisen müssen?" (Burkhard Liebsch: Vom
Versprechen, das wir sind, in: Genozid und Moderne, Mihran Debag,
Kkristin Platt, Opladen 1998, S.54) und äußert damit sein Mißtrauen
gegenüber einer aufklärerischen Moderne, die eine „Indifferenz" und „Kälte"
der vielen nicht nur ermöglichte, sondern darüber hinaus „der Verdacht
besteht, sie habe selbst kein wirkliches Verhältnis zu einer unverzichtbaren,
radikalen Nicht-Indifferenz[ ...]
" entwickelt.
Deshalb sollten wir nicht aufhören, die historischen, soziologischen,
psychologischen und politischen Voraussetzung des Holocaust zu untersuchen. Und
um noch einmal Liebsch zu zitieren: „Man muß das problematische Erbe Darwins,
das Gewicht bestimmter abgespaltener Rationalitätstypen, bürokratischer
Organisationsformen und einer generalisierten Pathologie des Gehorsams und der
Staatsgewalt bis hin zum Phänomen einer moralischen Paralyse der
Öffentlichkeit analysieren."(S.68)
Lassen Sie mich noch kurz etwas konkreter auf den Titel „Topf & Söhne
- Holocaust und Moderne" eingehen, den ich dem Konzept für ein
Projektvorschlag 1997 gegeben habe. Diese Begriffstriade rückt ein
Beziehungsdreieck ins Blickfeld, mit Verbindungen zwischen der Firma Topf &
Söhne, sowohl zum Holocaust, als auch zur Moderne und einer dritten Verbindung
zwischen dem Holocaust und eben dieser Moderne und, wir werden sehen, daß diese
dritte Verbindung die wohl strittigste und kontroverseste ist.
Die erste Verbindung zwischen Topf & Söhne und dem Holocaust ist recht
einfach zu verstehen. Die Firma hat nachweislich ihren Beitrag zur
Massenvernichtung geleistet, indem sie die Technik und das Know-how zur
Beseitigung der Ermordeten und Tausender durch die Zustände in den Lagern
Verendeten lieferte. Darüber hinaus arbeiteten die Ingenieure von Topf,
insbesondere Kurt Prüfer aber auch an der Verbesserung der Tötungstechniken in
den Gaskammern in Auschwitz mit und waren so noch sehr viel aktiver an den
Ermordungen selbst beteiligt. Die Verwicklungen der Firma in den Holocaust wird
heute niemand mehr bestreiten.
Auch die zweite Verbindung innerhalb des Beziehungsdreiecks zwischen Topf
& Söhne, Holocaust und Moderne (oder besser wie schon gesagt Modernität),
die zwischen der Firma und Moderne, läßt sich, so denke ich, immer noch
vergleichsweise recht einfach verdeutlichen.
Warum können wir die Firma Topf & Söhne als ein aus der damaligen Sicht
modernes Unternehmen einschätzen?
In der Firma gab es in den 30er und 40er Jahren ein Umfeld für innovative
Entwicklungen, die große Zahl der angemeldeten Patente in allen
Geschäftsbereichen belegen dies. Insbesondere die Marktstellung der Firma in
den Bereichen Mälzerei- und Speicherbau war hervorragend. Die Organisation war
solide, die Firma meisterte die Kriegsjahre recht gut, obwohl sie mehrere
Liquiditätskrisen zu überstehen hatte. Die Führung war jung, dachte
strategisch und fällte ihre Geschäftsentscheidungen aufgrund von ökonomischen
Prinzipien.
Die Frage liegt nahe, ob dies auch für die Entscheidungen galt, die dazu
führten, daß Topf & Söhne zum Lieferanten für Großkrematorien der
Konzentrationslager wurde. Weniger als drei Prozent machten die Geschäfte mit
der SS im Gesamtumsatz aus, was darauf hindeutet, daß diese Aufträge für die
Firma keineswegs überlebenswichtig waren. Auch ist nichts darüber bekannt,
daß auf die Firma Druck „von oben" ausgeübt oder sie gar zur Annahme
der Aufträge gezwungen worden wäre, im Gegenteil in klassischem
Geschäftsgebaren versuchte man die Konkurrenz aus Berlin auszustechen. Den Rang
als Betrieb mit kriegswichtigen Gütern, der in den Mangeljahren eine
Mehrzuteilung von Kohle, Stahl und anderen wichtigen Betriebsmitteln zur Folge
hatte, konnte man mit der Fabrikation von Mörsergranaten ebenso gut erreichen.
Es gibt auch keinen Hinweis darauf, daß die Inhaber Ernst Ludwig und
Wolfgang Topf oder die mit den Aufträgen betrauten Ingenieure fanatische Nazis
gewesen wären, die schon aus ideologischen Gründen die Massenvernichtung von
ausgesonderten Personenkreisen unterstützen wollten.
Was also war der Grund für die Übernahme dieser Aufträge? Wir können
darüber nur Vermutungen anstellen. Wahrscheinlich ist, daß es eine Verbindung
von geschäftlicher Routine, individuellem Ehrgeiz und modernem strategischem
Management war. Man erschloß ein neues Marktsegment, arbeitete an der
Entwicklung neuer Techniken und versprach sich möglicherweise Vorteile, bei der
Vergabe zukünftiger Staatsaufträge. Wir müssen davon ausgehen, daß die
Mitarbeiter der Firma spätestens seit Januar 1943 vom Zweck der Aufträge
wußten. Ein Einverständnis der Verantwortlichen mit den Zielen der
Reichsregierung kann als wahrscheinlich gelten, bedeutet allerdings keineswegs
automatisch eine moralische Indifferenz bei den Beteiligten.
Karl Schultze, auch einer der verantwortlichen Ingenieure, antwortete bei
einem Verhör auf die Frage, warum er, nachdem er in Auschwitz gesehen hatte,
was dort geschah, trotzdem seine Arbeit fortgesetzt habe: „Wir standen in der
Pflicht gegenüber der SS, der Firma Topf und dem NS-Staat."
Es wäre falsch, würde man diese Äußerungen aus unserer heutigen
Perspektive allzu voreilig als Schutzbehauptung, als zynisches Zeichen
moralischer Korrumpiertheit oder Rationalisierungsversuch von Schuldgefühlen
deklarieren.
Solche Äußerungen sind, nach Studien des Sozialpsychologen Harald Welzer,
eben nicht ein Beleg für die moralische Korrumpiertheit der Täter, sondern
Ausdruck einer zeitgenössischen Normenorientierung. Welzer geht davon aus, daß
das Verhältnis zwischen Tat und Moral nicht aus der Perspektive der Frage, wie
moralische Hemmnisse überwunden werden konnten, geklärt werden kann, sondern,
daß als Grundlage des Täterhandelns eine Selbstvergewisserung bei intaktem
moralischem Urteilsvermögen anzunehmen ist. (Harald Welzer: Massenmord und
Moral, in Genozid und Moderne, Mihran Debag, Kkristin Platt, Opladen 1998,
S.271)
Mit anderen Worten, das Handeln der Täter wird auf ein Normalmaß
geschrumpft und verliert den Charakter von Verrohung oder Sadismus.
Dies allerdings ist in seiner Konsequenz weit beunruhigender, als die
Vorstellung, die Täter wären alles wahnsinnige, fanatische Judenhasser oder,
wie Goldhagen es formulierte, voll von „eliminatorischem Antisemitismus"
gewesen. Zurecht hat Goldhagen zwar auf die individuelle Entscheidungsfreiheit
der Täter bestanden und deren Brutalität über das vom Regimeauftrag
geforderte Maß hinaus offen gelegt. Aber allein mit amoralischen Tätern wäre
Auschwitz nicht durchführbar gewesen und die bisherigen Erkenntnisse lassen
nicht den Schluß zu, daß es solche in der Firma Topf & Söhne gegeben hat.
Es waren vielmehr „normale" Erfurter Bürgerinnen und Bürger, die in
dieser Firma arbeiteten.
Man muß den Aspekt der Entscheidungsfreiheit prüfen und dies von Einzelfall
zu Einzelfall. Allerdings muß dabei berücksichtigt werden, inwieweit diese
Entscheidungsfreiheit, die im übrigen auch eine Idee der Moderne ist, von einem
Individuum in seiner Zeit und mit der gegebenen Sozialisation umgesetzt werden
konnte und praktisch umgesetzt wurde.
Topf & Söhne war ein Unternehmen, was sich im Grunde nicht sonderlich
von zigtausenden damals unterschied und es war ein Unternehmen von vielen, was
sich am Vernichtungsprogramm der Nazis beteiligte.
Hier stecken wir nun wieder mitten in der dritten Verbindungsachse des
eingangs erwähnten Beziehungsdreiecks, nämlich der zwischen Holocaust und
Modernität.
Rücken wir Auschwitz als einen elementaren Teil des Holocaust ins Blickfeld
und wenden wir uns dann Topf & Söhne zu, sollte , wie ich meine, deutlich
werden, daß insbesondere dieser Teil des Holocaust tatsächlich die Züge der
Modernität trägt.
Die Auseinandersetzung mit Topf & Söhne muß so gesehen auch eine
kritische Begutachtung unseres Gesellschaftsentwurfes mit einbeziehen. Hierzu
gehören dann Fragen nach der Verantwortlichkeit des Einzelnen in einer modernen
Gesellschaft, die Verantwortung in arbeitsteiligen und automatisierten Prozessen
bis zur Unkenntlichkeit gespalten hat, Fragen nach dem Charakter persönlicher
Entscheidungen von Menschen, die als Funktionsträger jederzeit ersetzbar sind
(und gegebenenfalls auch ersetzt werden). Wie gehen wir heute, über fünfzig
Jahre nach Auschwitz, mit der Erkenntnis um, daß die Wirtschaft, d.h. unsere
Art des Wirtschaftens ganz offensichtlich weiterhin für jeden Zweck
instrumentalisierbar ist? Oder ist es heute nicht viel eher umgekehrt, daß die
Ökonomie den Primat des Politischen abgelöst hat? Erweisen sich die Gesetze
der Ökonomie am Ende gegen eine moralisch ethische Debatte als völlig immun?
Gibt es ungebrochen wirksame, strukturelle Bedingungen, deren Kontinuen aus den
Tagen des Dritten Reiches (und davor) bis in unsere Gegenwart reichen und die
Totalisierung und erneute Bedrohung von bestimmten Gruppen innerhalb unserer
Gesellschaft begünstigen, ja möglicherweise selbst hervorbringen? Welche
ethischen Maßstäbe haben wir in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft in
der Auseinandersetzung mit Holocaust und Krieg entwickelt?
Meines Erachtens können weder Rassismus- und Antisemitismustheorien, noch
die Theorie des Fremden als Bedrohung von Innen, noch Faschismustheorien oder
der Blick auf bestimmte Formen von Gewalt und ebensowenig die Frage nach einer
spezifischen Ordnung für sich genommen als Erklärungsversuch für den
Holocaust genügen.
So schließe ich mich Kristin Platt an, wenn sie sagt: „Die Frage nach
einem zentralen Analyseaspekt, unter dem wir die kollektive Gewalt der Shoah in
das einordnen, was wir als Moderne kennzeichnen, in einem historischen Prozeß
ebenso wie in unsere Gegenwart und den Entwicklungsprozeß, unter dem wir unser
eigenes Werden verstehen, ist nur mit Ambivalenz zu beantworten." (Kristin
Platt: Genozid und Moderne, Mihran Debag, Kkristin Platt, Opladen 1998, S.37)
Ich plädiere in der Frage Topf & Söhne für eine kontinuierliche
Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang zwischen Holocaust und Modernität, die
in alle Wissenschaft- und Lebensbereiche hineinreicht, um so Geschichte und
Zustand unserer heutigen gesellschaftlichen Situation umfassender verstehen und
erklären zu können und um damit ein Stück der Verantwortung gegenüber uns
und den nachkommenden Generationen gerecht werden können.
Vielen Dank
*) Vortragsmanuskript für den Förderkreis „Topf & Söhne",
20.10.1999