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Christian Gerlach Die Firma Topf & Söhne, die deutsche Vernichtungspolitik und der "Osten" als Aktionsfeld kleiner und mittlerer Firmen im Zweiten Weltkrieg
Die exakte Beantwortung dieser Fragen ist nicht einfach, und sie scheint mir nur möglich, indem man die Entwicklung der sogenannten deutschen Judenpolitik, die Entwicklung und den Funktionswandel der Lager, besonders des Konzentrationslagers Auschwitz, und die Tätigkeit der Firma Topf miteinander in Beziehung setzt. Wie viele andere Bereiche der deutschen Vernichtungspolitik war jedoch auch die Baugeschichte von Auschwitz lange Zeit mangelhaft erforscht. Erst Studien der letzten zehn Jahre, vor allem durch Jean-Claude Pressac, Robert-Jan van Pelt, Deborah Dwork und andere, sowie neue Aktenfunde haben Licht ins Dunkel gebracht. Weitere werden oder wurden gerade abgeschlossen. Ich selbst gehöre nicht zum engen Kreis der Spezialisten und verdanke viele Hinweise für diesen Vortrag berufeneren Kollegen. Die Experten sind sich einig, daß die Veröffentlichungen zum Thema, das "Kalendarium der Ereignisse in Auschwitz" von Danuta Czech und auch die verdienstvollen Bücher von Pressac, Dwork und van Pelt, noch zahlreiche Mängel und gravierende Fehleinschätzungen aufweisen. Vor allem sind zahlreiche trotzdem teils immer weiter tradierte Datierungen nicht haltbar und müssen zumeist auf einen späteren Zeitpunkt korrigiert werden, also: der Lagerkommandant Höß erhielt von Himmler nicht im Sommer 1941 in Berlin den Auftrag, die europäischen Juden zu ermorden, sondern, wenn das fragliche Gespräch überhaupt stattgefunden hat, erst 1942; die berüchtigten Selektionen an der Rampe begannen nicht im Juli 1942, sondern an diesem Ort Monate später; erst 1943 wurde Auschwitz-Birkenau zum Zentrum der europaweiten Judenvernichtung; die amerikanischen Aufklärungsflüge und Luftaufnahmen datieren erst ab Juni 1944 und so weiter. Als Rahmen zum Verständnis der Unternehmensgeschichte folgen zunächst ein Überblick über Verhaltensmuster und Handlungsmöglichkeiten kleiner und mittlerer deutscher Unternehmen im Krieg, dann einige allgemeine Informationen über die Firma Topf. Im dritten Abschnitt wird versucht, das Agieren der Topf & Söhne in drei Phasen deutscher Vernichtungspolitik zwischen 1939 und 1945 und das jeweilige Wissen und Handeln der Firmenangehörigen abhängig von der jeweiligen Opfergruppe zu analysieren, und abschließend folgen einige allgemeine Schlußfolgerungen. Insgesamt kann dieser Beitrag nicht mehr als einen Überblick über den gegenwärtigen Forschungsstand bieten. Die Firmenpolitik deutscher Unternehmen im Zweiten Weltkrieg ist immer noch nicht ausreichend erforscht. Sie ist es oder wird es immerhin einigermaßen für Großunternehmen, Banken und Konzerne, aber fast gar nicht für kleine und mittlere Unternehmen. Diese konnten für sich keinen Einfluß auf die Politik des Staates ausüben, wie es das Großkapital durchaus tat. Die Unternehmensführungen der mittelständischen Betriebe mußten sich den Kriegsbedingungen anpassen und versuchten, ihren Materialbedarf, ihre Beschäftigungs-, Absatz- und Ertragsinteressen weiter durchzusetzen. Der Kriegsbeginn 1939 stellte diese Unternehmen vor große Probleme. Sie trachteten danach, ihre Produktion als "kriegswichtig" einstufen zu lassen; das war wichtig für die allerdings eingeschränkte Zuweisung von Energie und Rohstoffen und konnte den Betrieb auch durchaus vor der Schließung bewahren. Die Firmen versuchten, wenigstens einen Kern ihres Fachpersonals zusammenzuhalten, doch das war wegen der vielen Einberufungen zur Wehrmacht schwierig. Viele Firmen beschäftigten in wachsender Zahl Frauen und noch mehr ausländische Zwangsarbeiter. Vor allem internationale Absatzmärkte brachen weg. Infolge der Politik "Kanonen und Butter" sank die Produktion von Konsumgütern zwar relativ langsam, aber viele Betriebe mußten oder wollten sich nicht zuletzt aus Gewinninteressen auf militärische Produktion umstellen, technisch und organisatorisch. Ein nicht geringer Teil der Firmen versuchte, verlorene Absatzmärkte durch Investitionen in den besetzten Gebieten oder entsprechende Verkaufsaktivitäten aufzufangen. Das schien im Osten in einigen Branchen aus demselben Grund besonders aussichtsreich, aus dem es in anderen besonders riskant erschien: weil dort die Wirtschaft von deutscher Seite stärker als im Osten enteignet, umstrukturiert und umorientiert wurde. Je weiter nach Osten, desto stärker machte sich bis auf einige Inseln eine Politik der Deindustrialisierung bemerkbar; in den annektierten polnischen Gebieten noch kaum, im besetzten Restpolen, dem "Generalgouvernement", schon erheblich, und in den besetzten sowjetischen Gebieten mit wenigen Ausnahmen im Baltikum und in der Ukraine fast in jeder Beziehung. Selbst deutsche Konzerne engagierten sich dort im Einklang mit der staatlichen Politik wegen der Investitionsrisiken wie mangelhafter Infrastruktur und Rohstoffversorgung nur sehr begrenzt. Die typischen im Osten engagierten Unternehmen betrieben keine industrielle Produktion, sondern waren mittelständische Handels- und Baufirmen. Wegen der eingeschränkten zivilen Bautätigkeit und des abgerissenen Überseehandels in besonderem Maß auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern, versuchten sie den wenigen vorhandenen Analysen zufolge Positionen und Märkte für die Zukunft in einem Raum zu besetzen, von dem man glaubte, daß Deutschland ihn auf Jahrzehnte beherrschen werde; manche verstanden das als durchaus langfristige Änderung der Unternehmensstrategie. Man versuchte, Know-how zu sammeln, die Umsatzeinbußen gering zu halten und den Krieg zu überwintern, Profitmöglichkeiten für die Zukunft vorzubereiten, liegengebliebene Waren abzusetzen, Personal vor dem Frontdienst zu bewahren, und nicht wenige machten sogar schnell erhebliche Gewinne, die zum Teil allerdings durch Verluste beim Rückzug oft wieder aufgezehrt wurden. So wie sich Zehntausende sich für Posten in den deutschen Verwaltungen im Osten bewarben, oft ohne Parteikarrieristen zu sein, so gab es beispielsweise auch nicht weniger als allein 1.800 zumeist deutsche deutsche Großhandelsbetriebe im Generalgouvernement. Die Firmen agierten weitgehend in Übereinstimmung mit der deutschen Besatzungspolitik; nicht weil sie dorthin dienstverpflichtet worden wären, sie kamen aus freien Stücken, sondern wegen der Zulassungspolitik der deutschen Behörden, der partiellen Übertragung hoheitlicher Rechte auf Unternehmen, und diese Übereinstimmung zeigte sich auch, besonders bei den Baufirmen, im meist rücksichtslosen und herrischen Auftreten gegenüber dem einheimischen Personal im besetzten Gebiet. Die Firma Topf war gewissermaßen auch im "Osten" engagiert, aber nicht alle genannten Punkte trafen auf sie zu. Die "J. A. Topf & Söhne", ein mittelständisches Unternehmen, war 1878 gegründet worden und hatte in den zwanziger und dreißiger Jahren mit Produkten wie Feuerungsanlagen verschiedener Arten, Dampfkesseln, Schornsteinen und Lüftungsanlagen, Mälzereien sowie Trockenapparaten für die Nahrungsmittelindustrie auch international stark expandiert. Mitte der dreißiger Jahre hatte sich die Firma auch bei der Ausstattung der wachsenden Zahl städtischer Krematorien, von denen viele erst nach dem Ersten Weltkrieg eingerichtet wurden, eine starke Position verschafft. Zu den Erzeugnissen der Firma gehörten in den dreißiger Jahren auch "Begasungsanlagen" für technische und hygienische Zwecke. Das Gesamtunternehmen hatte bei Kriegsausbruch 1939 1.200 Beschäftigte, Ende 1943 waren es infolge Einziehungen und kriegsbedingten Betriebseinschränkungen nur noch 838, davon nurmehr 497 Deutsche, dazu 181 ausländische Zivilisten und 160 Kriegsgefangene. Für ein mittleres Industrieunternehmen waren mehr als 40 Prozent ein recht hoher Anteil von, wie man sie damals bezeichnete, "Fremdarbeitern", zum großen Teil vermutlich Zwangsarbeitern. Die angestammten Produkte der Firma waren keine militärischen Güter, aber wegen des hohen Stellenwerts des Nahrungsmittelsektors für das Regime vermutlich zum Teil weiter gefragt, jedenfalls bis 1943; zumindest 1941 hat man die Produktion teilweise auch auf Militärgüter, namentlich Granaten, umgestellt. Dennoch machte die Herstellung und Montage von Öfen und Zubehör in den Konzentrations- und Vernichtungslagern mit insgesamt etwa 350.000 bis 400.000 RM nur zwei bis drei Prozent des Gesamtumsatzes der Firma Topf während des Krieges aus. Anscheinend waren auch die Gewinne wegen knapper Kalkulationen und gelegentlicher Lieferung unter Selbstkostenpreis gering. Trotzdem übernahm einer der beiden Firmeninhaber 1941 die Aufsicht über die Abteilung des Unternehmens für Krematoriumsbau. Das Engagement der Firma auf diesem kriminellen Gebiet hing also offenbar weniger direkt mit der Hoffnung auf enorme Profite zusammen, allenfalls mit dem Besetzen eines neuen Marktes. Vielleicht, aber das ist nur eine Vermutung, erhoffte man sich mehr indirekte Vorteile durch die Instrumentalisierung guter Beziehungen zur SS für das Unternehmen; und offenbar hat die enge Verbindung zur Zentralbauleitung Auschwitz Ende 1941 wirklich zur Freigabe des Firmenmitinhabers Ludwig Topf aus dem Militärdienst in einem Baubataillon geführt. Ich habe keine Anzeichen dafür gefunden, daß die Brüder Topf fanatische Nationalsozialisten waren. Sie traten Ende April 1933 in die NSDAP ein, zu einem Zeitpunkt, als dies viele Opportunisten taten (was schließlich zu einem Aufnahmestop führte). Über die Beziehungen des bei den kriminellen Krematoriumsgeschäften besonders aktiven Leiters der Abteilung Krematoriumsbau, Kurt Prüfer, zur Nazipartei gibt es keine sicheren Aussagen. Er war 1939 48 Jahre alt und bereits zwanzig Jahre im Unternehmen. Zwischen 1940 und 1944 war er elfmal für die Firma in Auschwitz, der Spezialist für Lüftungsanlagen der Firma, Karl Schultze, mindestens dreimal, und verschiedene Monteure verbrachten zwischen drei und zwölf Monaten vor allem in Auschwitz-Birkenau.
Beim Einsatz der Firma Topf in den Konzentrationslagern und im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau sind drei Phasen mit entsprechendem Funktionswandel der Lager und der von Topf gelieferten Verbrennungsöfen sowie Planungen und Praxis zu unterscheiden. Im ersten Zeitabschnitt zwischen Ende 1939 und Mitte 1941 sollten die Öfen dazu dienen, die sterblichen Überreste gestorbener und ermordeter KZ-Häftlinge zu verbrennen, das heißt politisch oder rassisch verfolgter Menschen deutscher, aber auch polnischer, tschechischer und österreichischer Nationalität, darunter auch Juden. In der zweiten Phase zwischen September 1941 und Mitte 1942 waren als Opfer vor allem sowjetische Kriegsgefangene und Opfer der furchtbaren Lebensbedingungen in einem geplanten riesigen Durchgangslager für deportierte Juden in Weißrußland vorgesehen. In der dritten Phase ab August 1942 waren die Öfen in Auschwitz-Birkenau zum Verbrennen der Körper dort in Gaskammern ermordeter Juden aus ganz Europa konzipiert. Bereits 1937/38 schlugen die Leitungen einiger Konzentrationslager wegen der großen Todesraten den Bau lagereigener Krematorien vor. Es blieb jedoch zunächst bei Plänen. Erst kurz nach Kriegsbeginn, im Herbst 1939, erteilte die SS hierfür Aufträge. Dies zeigt wie beim Massenmord an den Kranken, der sogenannten Euthanasie-Aktion, das Überschreiten einer ersten Hemmschwelle an: es wurde mit einer erhöhten Sterblichkeit gerechnet, sei es auf Grund brutalerer Behandlung oder schlechterer Versorgung der Häftlinge oder wegen der hinzukommenden Polen. Das SS-Hauptamt Haushalt und Bauten beauftragte zwei Spezialunternehmen mit dem Bau der Öfen: die Firma Heinrich Kori aus Berlin in Sachsenhausen und die Firma Topf im November und Dezember 1939 in Dachau und Buchenwald. Topf & Söhne bauten noch im Dezember 1939 einen mobilen, das heißt noch im Werk zusammengebauten Ofen mit zwei Kammern oder Muffeln in Dachau auf, in Buchenwald im Januar oder Februar 1940 einen stationären, also vor Ort konstruierten Zweimuffelofen. 1940 kamen Öfen in den Konzentrationslagern Auschwitz und Mauthausen dazu, ferner Ende 1940 und Anfang 1941 zweite Öfen mit jeweils zwei Muffeln zur Erhöhung der Verbrennungskapazitäten in Dachau, Buchenwald, Auschwitz und im Mauthausener Außenlager Gusen. Schon mit diesen Öfen gab es, wie in Buchenwald und Auschwitz, teilweise rasch technische Probleme, nicht zuletzt wegen Überlastung. Die erste Verbrennung der Leiche eines Gefangenen im ersten Krematorium von Auschwitz, in dem bis zu 70 Leichen am Tag verbrannt werden konnten, war am 15. August 1940. Auschwitz, Anfang 1940 eingerichtet, war damals noch mehr oder weniger ein Konzentrationslager wie jedes andere. In den Firmen wußte man, daß der Aufbau der Krematorien in den Lagern nur mit vermehrten Todesfällen zusammenhängen konnte, es war auch zumindest allgemein bekannt, daß die KZ-Häftlinge nicht gerade schonend behandelt wurden. Tatsächlich erklärte die Lagerleitung in Buchenwald auch am 10. Januar 1940, "durch die hohe Sterblichkeitsziffer" sei "die Erstellung eines Notkrematoriums [...] notwendig geworden." Zwei Häftlinge, die mitarbeiten mußten, erinnerten sich, das Krematorium sei "im sogenannten Karachotempo" gebaut worden. Durch notwendige Reparaturen waren gelegentlich Firmenvertreter in den betreffenden Lagern - in Buchenwald konnten sie den Galgen und zwölf Haken zum Aufhängen direkt im Krematorium kaum übersehen. Auch in Auschwitz verübten die Angehörigen der Politischen Abteilung des Lagers viele Morde im Gebäude des Krematoriums I. Den Firmenvertretern vor Ort war also bereits klar, daß sie bei der Beseitigung der Leichen aus politischen Morden in großer Zahl mitwirkten. Wir wissen nichts darüber, wie die Firmen zu den Aufträgen für Krematoriumsöfen und ähnliches kamen. Vermutlich traf die SS eine Vorauswahl und trat - auch überregional - an Spezialfirmen heran, die aber keineswegs dienstverpflichtet wurden und werden konnten. Darüber hinaus boten sich solche Firmen auch von selbst an, wie die Didier-Werke aus Berlin-Wilmersdorf für den Bau von Krematoriumsöfen (offenbar erfolglos). Ein anderes Beispiel ist die Firma Gaubschat Fahrzeugwerke aus Berlin-Neukölln; sie stellte 1941/42 die Aufbauten für Vergasungsfahrzeuge her und wurde trotz begrenzter Herstellungsmöglichkeiten, die bestimmte technische Änderungen nicht zuließen, mit der weiteren Produktion beauftragt, da bei ihr die Geheimhaltung gesichert erschien, bei einer tschechischen Konkurrenzfirma dagegen nicht. Klar ist, daß der Markt für die Krematoriumsöfen zwischen den Firmen Topf und Kori umkämpft war. Die Kori produzierte günstig teils anscheinend fahrbare Einmuffelöfen, die vor allem für kleinere Lager geeignet waren und in insgesamt 13 von ihnen eingesetzt wurden. Sie gewann nach der Treibstoffrationierung im Frühjahr 1940 vorübergehend einen Vorteil, weil ihre Öfen mit Koks betrieben werden konnten. Die Firma Topf mußte ihre Öfen im Lauf des Jahres 1940 umrüsten. Das Firmenkonzept der Topf war es, immer größere, effektivere und dadurch preisgünstigere Öfen zu entwickeln. Pressacs Thesen, daß Kurt Prüfer für die Topf-Werke den Weg zu Aufträgen durch die "Hintertür" über untergeordnete SS-Funktionäre fand, sei es mittels der Verbundenheit unter Weltkriegskämpfern, hochgedienten Leuten vom Bau oder thüringischen Landsleuten fand, sind nicht belegt. Eine neue verbrecherische Quantität und Qualität erreichte die Tätigkeit der Firma Topf in den Lagern der SS mit dem Krieg gegen die Sowjetunion, genauer Ende September 1941, kurz nachdem die Wehrmacht Himmler die Zuweisung von 200.000 sowjetischen Kriegsgefangenen angekündigt hatte. Die systematische Aussonderung und Ermordung arbeitsunfähiger KZ-Insassen, die sogenannte Aktion 14f13, betraf demgegenüber eine wesentlich geringere Zahl von Häftlingen, begann bereits im Sommer 1941 und scheint somit nicht, wie einige annehmen, für diese neuen Planungen ursächlich gewesen zu sein. Bereits Ende August und Anfang September waren die ersten Kriegsgefangenen in Lagern wie Sachsenhausen und Auschwitz eingetroffen, teils zur sofortigen Ermordung, teils zu einer Behandlung mit bis dahin unbekannter Brutalität. Häftlingen in Auschwitz etwa fiel auf, daß die sowjetischen Gefangenen noch erheblich geringere Lebensmittelrationen erhielten als die übrigen. In diesem Zusammenhang kam es zu Aufträgen für zusätzliche Öfen in Buchenwald und Mauthausen, die jedoch erst mit großer Verzögerung fertig wurden, in Buchenwald im August und Oktober 1942. Der Aufbau eines Dreimuffelofens im Lager Mittelbau-Dora Anfang 1944 wäre, gewissermaßen mit Phasenverschiebung, dem gleichen Zusammenhang - extrem erhöhte Gefangenensterblichkeit - zuzurechnen. Am 16. September 1941 erhielten Topf & Söhne den Auftrag für einen dritten Zweimuffelofens für das Krematorium im Konzentrationslager Auschwitz. Er wurde allerdings nach Verzögerungen auch erst am 30. Mai 1942 in Betrieb genommen. Ebenfalls Ende September 1941 erfolgte der Baubefehl des SS-Hauptamts Haushalt und Bauten für die Errichtung eines riesigen Kriegsgefangenenlagers in Auschwitz-Birkenau, einige Kilometer vom Hauptlager entfernt. Kurz nach Erstellung erster Pläne und hastiger Beauftragung der oberschlesischen Baufirmen Huta und Lenz zwischen den 4. und 7. Oktober bestellte die Bauleitung den Ingenieur Prüfer wegen Plänen für ein neues Krematorium nach Auschwitz. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte Himmler dem Lagerkommandanten Höß also nicht schon bei seinem Besuch in Auschwitz am 1. März den Befehl zum Bau dieses großen Gefangenenlagers erteilt, wie Höß ausgesagt hat, denn es sind vor Ende September 1941 keinerlei Schritte in dieser Richtung nachweisbar. Prüfer wurde am 21. und 22. Oktober eröffnet, es werde ein Lager für 125.000 sowjetische Gefangene mit hoher Sterblichkeit gebaut. Als technische Lösung bot Prüfer nach kurzer Überlegung den Bau eines großen Krematoriums im Hauptlager mit fünf Dreimuffelöfen an, eine im Grunde noch in der Entwicklung befindliche Technologie. Damit sollte man 1.440 Leichen pro Tag einäschern können - das war angesichts einer Sterblichkeit von täglich einem Prozent und mehr in den Lagern für sowjetische Kriegsgefangene durchaus eine realistische, jedoch eigentlich unfaßbare Größenordnung. Einerseits ließ man solche Gefangenen systematisch durch Hunger und Unterversorgung umkommen, teils erschoß die SS sie auch, und Prüfer wollte im Namen der Firma Beihilfe leisten, die Folgen dieses Massenverbrechens zu bewältigen. Andererseits wurde hier noch kein Massenmord an Juden in Gaskammern geplant, geschweige denn daß die Krematoriumsgebäude selbst Instrumente dieser Verbrechen werden sollten. Tatsächlich gelangten später im übrigen nicht annähernd so viele sowjetische Gefangene nach Auschwitz wie geplant, nämlich etwa 10.000. Im November 1941 erhielt Prüfer einen noch größeren Auftrag, nämlich zum Bau eines Krematoriums mit vier holzbeheizten Achtmuffelöfen, ausgelegt für die Verbrennung von bis zu 3.000 Leichen pro Tag, in Mogilew im besetzten Weißrußland. Ein Ofen mit vier Kammern wurde dort um die Jahreswende 1941/42 tatsächlich aufgebaut. Anders als Pressac annimmt, zielte dies nicht auf die Verbrennung am Fleckfieber gestorbener sowjetischer Kriegsgefangener ab, sondern offenbar war vorgesehen, dort eines von mehreren Aufnahme- oder Durchgangslagern für Juden aufzubauen, die aus West- und Zentraleuropa in die besetzten sowjetischen Gebiete deportiert werden sollten, allerdings eines von gigantischen Ausmaßen. Damit wurden Pläne für derartige Massendeportationen aus dem Frühjahr 1941 fortgeführt, um die europäischen Juden dort durch furchtbare Lebensbedingungen, möglicherweise auch Massensterilisationen zu dezimieren und auf längere Sicht aussterben zu lassen. Das Projekt in Mogilew scheiterte indessen aus verschiedenen Gründen, insbesondere an Transportproblemen - auch massenhafte Schiffstransporte scheinen erwogen worden zu sein. Die Pläne zur genozidalen Umsiedlung wurden Ende 1941, auch angesichts des ungünstigen Kriegsverlaufs, schrittweise als unrealistisch fallengelassen und durch solche zum kurzfristigen Massenmord ersetzt. Das Krematorium in Mogilew scheint nie in Betrieb gegangen zu sein, ein Weiterbau erfolgte trotz Teilzahlungen der örtlichen SS-Bauleitung nicht. Die Bedeutung des Mogilew-Projekts zeigt sich jedoch nicht nur an der Größe des geplanten Krematoriums, sondern auch daran, daß Prüfer hierfür anscheinend zum einzigen Mal direkt ins SS-Hauptamt Haushalt und Bauten nach Berlin bestellt wurde. Prüfer, der möglicherweise auch im Dezember 1941 nach Mogilew reiste, konzipierte die dafür vorgesehenen enormen Öfen in seiner Freizeit daheim in Bischleben, Hermann-Göring-Straße 2, was auf sein Engagement hindeutet. Eine Parallele ergibt sich für die Entwicklung der Fahrzeuge für Morde mit Auspuffabgasen, doe sogenannten Gasen, über die die zuständigen Beamten des Reichskriminalpolizeiamts auch öfters in der Berliner U-Bahn diskutierten - auf der Strecke zwischen den Bahnhöfen Wittenbergplatz und Thielplatz. Prüfer war bereit, an einem mörderischen Projekt wie dem Lager in Mogilew mitzuarbeiten, und die Firmenleitung genehmigte diesen Auftrag wie jenen für das Kriegsgefangenenlager in Auschwitz. Am 5. September 1941 hatte in Auschwitz die erste Probe eines Massenmords mit dem eigentlich für Desinfektionszwecke benutzten Gas Zyklon B in Auschwitz stattgefunden. Dabei wurden 600 sowjetische Gefangene und 250 "arbeitsunfähige" Häftlinge ermordet. Doch von hier aus führte noch kein direkter Weg zum Völkermord an den Juden. Experimente für Morde mit Gas, vor allem mit Motorabgasen, wurden im Herbst 1941 auch an anderen Orten durchgeführt, darunter in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Mauthausen. Auschwitz unterschied sich von den anderen Tatorten zu diesem Zeitpunkt weder in den Opfergruppen noch in der Verwendung von Gas, doch nur in Auschwitz wurde Zyklon B für die Tötungen benutzt. Wie etwa in Mauthausen fanden in Auschwitz bis zum Frühjahr 1942 sporadisch weitere Massenmorde mit Gas statt, und zwar im Keller von Block 11. Im Mai 1942 wurden diese Morde in ein umgebautes Bauernhaus, den sogenannten Bunker I, außerhalb des Hauptlagers nach Birkenau verlegt, und Ende Juni kam eine zweite Vernichtungsstätte in einem ähnlichen Haus, genannt Bunker II, hinzu. Der Umfang der Morde mit Gas nahm damit erheblich zu, und unter den Opfern waren immer mehr Juden. Bis Mitte Februar 1942 hatte es im Lager relativ wenige jüdische Häftlinge gegeben. Dann traf ein erster Transport von 1.000 Juden aus Ostoberschlesien in Auschwitz ein, und das Reichsaußenministerium einigte sich mit der slowakischen Regierung auf die Deportation jüdischer Arbeitskräfte ins deutsch beherrschte Gebiet. Offenbar in diesem Zusammenhang und in Verbindung mit Plänen zu großangelegten Judendeportationen aus dem Deutschen Reich und ganz Europa, wie sie auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 vorgestellt worden waren und Himmler am 25. Januar der Inspektion der Konzentrationslager angekündigt hatte, ordnete Hans Kammler, Chef der Amtsgruppe Bauten im neuen SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt, am 27. Februar 1942 die Änderung der Planungen für das Krematorium II in Auschwitz an. Es sollte nunmehr aus dem Hauptlager heraus nach Birkenau verlegt werden, wo die Geheimhaltung besser gewährleistet schien. Ende Januar hatte dagegen der Bau des Krematoriums für die Zentralbauleitung Auschwitz zwischenzeitlich keine Priorität gehabt. Im März 1942 trafen insgesamt 3.000 slowakische und französische, im April und Mai je etwa 8.000 slowakische und oberschlesische Juden in Auschwitz ein, im Juni jedoch mehr als 20.000 und im August bereits mehr als 40.000. Während die Juden aus der Slowakei und Frankreich zunächst vorwiegend noch als Arbeitskräfte ins Lager gelangten, wurden die polnischen Juden aus Ostoberschlesien Anfang Mai als erste zum großen Teil sofort im Gas vernichtet. Zu diesem Zeitpunkt war Auschwitz immer noch nicht, wie später, das Zentrum der Vernichtung der Juden aus West-, Mittel- und Südosteuropa. Transporte aus der Slowakei und dem Reichsgebiet gingen im Mai und Juni 1942 zum Beispiel noch in den Distrikt Lublin. Der Wandel von Auschwitz-Birkenau zum Vernichtungslager vollzog sich eher schleichend. Seit dem 30. Juni wurde auch im Bunker II gemordet, seit dem 4. Juli 1942 wurden die eintreffenden Transporte regelmäßig selektiert und die als arbeitsunfähig Eingestuften, vor allem jüdische Frauen und Kinder, umgehend im Gas erstickt. Spätestens am 18. Juni war entschieden worden, eine Gaskammer im Keller des Krematoriums I einzurichten, womit auch die Firma Topf informiert gewesen sein muß, da sie an der Planung der Lüftungsanlagen beteiligt war. Der Bau von Krematorium II war noch im Gange, Teile für die Öfen trafen im Juni und August ein, doch der Bau der Keller begann überhaupt erst im August. Am 1. Juli wurden die Kattowitzer Firmen Huta und Lenz um Angebote für ein weiteres Krematorium gebeten, wegen der großen "Dringlichkeit" in Form einer, wie es hieß, "begrenzten Ausschreibung" unter bereits erprobten Unternehmen. Lenz sagte wegen Mangels an Arbeitskräften ab, nicht ohne ergänzende Arbeiten in Birkenau zu übernehmen, Huta erhielt den Zuschlag. Am 17. und 18. Juli besuchte Himmler Auschwitz, beobachtete die Ermordung hunderter Jüdinnen aus den Niederlanden im Gas und befahl Höß nach dessen Aussage einen weiteren Ausbau von Birkenau und die Ermordung der arbeitsunfähigen jüdischen Häftlinge. Am 3. August tauchte in einem Plan der Bauleitung die Projektion von "4 Stück Baracken für Sonderbehandlung der Häftlinge in Birkenau" auf. Doch erst zwei Wochen später begannen größere Aktivitäten für Neubauten, vielleicht infolge Hitlers und Görings Billigung für Initiativen zur Beschleunigung des Mordes an den Juden Anfang August vor allem aus ernährungswirtschaftlichen Erwägungen und Besprechungen Himmlers mit Eichmann und Kammler am 11. August. Am 19. August übernahm Kurt Prüfer für Topf & Söhne Aufträge zum Bau der Öfen für drei weitere Krematorien mit noch einmal 31 Muffeln innerhalb von drei Monaten, darunter ein identisches Modell des Krematoriums II mit 15 Muffeln, bereits am 15. August geplant, und die Krematorien IV und V mit jeweils acht Muffeln. Außerdem sollte der Bau des Krematoriums II beschleunigt fortgesetzt werden. Prüfer schlug Mitte August nicht nur erfolgreich die Verwendung von zwei Achtmuffelöfen aus dem Mogilew-Auftrag zur Beschleunigung des Ausbaus anstatt zweier neuer Dreimuffelöfen vor, er wußte auch, daß diese Öfen in der Nähe der "Badeanstalten für Sonderaktionen", also bei den Gaskammern in den Bunkern I und II, errichtet werden und damit zur Einäscherung in Massen ermordeter Juden dienen sollten. Prüfer wollte offenbar sowohl Aufträge für die Firma an Land ziehen bzw. die für Mogilew gedachten Öfen doch noch absetzen als auch die Probleme der SS mit den Provisorien bei der Vernichtung lösen helfen. Die Topf war vermutlich auch informiert, daß der Auftrag für das Krematorium III erst nach Zuteilung von Eisenkontingenten über das für Baumaßnahmen eigentlich unzuständige Reichssicherheitshauptamt erteilt werden konnte, und dieses steuerte die Judenvernichtung. Die Funktion der Bauten wurden vor den beteiligten Unternehmen nicht geheimgehalten; insgesamt waren zwölf von ihnen am Bau der Krematorien beteiligt, und die Firma Huta beispielsweise erhielt Baupläne der Zentralbauleitung Auschwitz dafür auch in ihr Büro nach Kattowitz zugeschickt. Pressacs These, Auschwitz sei Mitte 1942 wegen seiner großen Krematorien als Vernichtungszentrum ausgewählt worden, ist nicht haltbar. Im Sommer 1942 war selbst das einzig existierende Krematorium I nur zeitweise benutzbar. Die in Auschwitz ermordeten Juden wurden zu dieser Zeit überhaupt nicht eingeäschert, sondern in Massengräbern verscharrt und wegen Verunreinigung des Grundwassers zwischen Ende September und Ende November 1942 in Gruben unter freiem Himmel verbrannt. In den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka der sogenannten "Aktion Reinhard" im Generalgouvernement, in denen 1942 fast 1,5 Millionen polnische Juden ermordet wurden, gab es überhaupt keine Krematorien. Vielmehr wurde die Lagerleitung in Auschwitz im Juli 1942 umgekehrt von der rasch wachsenden Zahl eintreffender Transporte überrascht und weitete deshalb den Bau der Krematorien aus. In einem Vermerk der Zentralbauleitung hieß es, mit dem Bau habe "im Juli 1942 wegen der durch die Sonderaktionen geschaffenen Lage sofort begonnen werden" müssen. Die Massenmorde des Jahres 1942 in Auschwitz wurden nicht mit Hilfe einer reibungslosen Maschinerie verübt, sondern sie fanden inmitten von Provisorien statt. Und damit ist auch die Tätigkeit der beteiligten Firmen wie Topf & Söhne anders einzuschätzen: sie waren nicht nur Handlanger, sondern halfen mit "Verbesserungsvorschlägen", die Vernichtung erst zu perfektionieren und zu effektivieren. Am 23. September 1942 besuchte der Chef des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptsamts, Oswald Pohl, Auschwitz. Entgegen anderen Darstellungen fragte er nicht nur kurz nach der Vernichtungsmethode, sondern er besichtigte anscheinend auch die Gaskammern - im Besichtigungsbericht als "Station 2 der Aktion Reinhard" bezeichnet - und eine "Entwesungs- und Effektenkammer (Judenaussiedlung)", wo die Kleidung der Ermordeten gesammelt und desinfiziert wurde. Pohl hatte nach Forschungsergebnissen der österreichischen Historiker Freund, Perz und Stuhlpfarrer kurz zuvor die Zustimmung des Rüstungsministers Speer für den Aufbau und die Finanzierung eines großen Barackenlagers in Birkenau sowie zur weiteren Ermordung der arbeitsunfähigen Juden erhalten. Zwar lehnte Hitler noch Ende September einen großangelegten Zwangsarbeitseinsatz von Juden im Reichsgebiet ab - Auschwitz lag im annektierten Gebiet -, doch die Zuweisung von 13,7 Millionen RM einschließlich der Finanzierung der, wie es hieß, "Durchführung der Sonderbehandlung", blieb bestehen. Zwei Tage nach Pohls Besuch bestätigte die Zentralbauleitung Auschwitz der Firma Topf deshalb auch die Bestellung der Öfen für Krematorium III. Ende Oktober kam es zu einer Neuplanung von Birkenau, und spätestens Ende November 1942 plante die SS, Gaskammern direkt im Keller der neuen Krematorien zu bauen. Topf & Söhne wurden am 27. November telefonisch angewiesen, einen "Sonderkeller" für Gastötungen einzuplanen. Da die Firma auch mit den Lüftungssystemen befaßt war, beteiligten sich ihre Angehörigen spätestens nunmehr außer den Krematorien auch an der Planung der Mordinstrumente selbst. Alle Vorgänge bezüglich Birkenau liefen ab Ende Oktober 1942 unter der bürokratischen Deckbezeichnung: "Betrifft: Kriegsgefangenenlager Auschwitz (Durchführung der Sonderbehandlung)". Pressac bemerkt völlig zu recht, daß spätestens hiermit die Ermordung der Juden offiziell zum eigentlichen Zweck des Lagers in Birkenau geworden war. Im Herbst 1942 beobachteten die Schornsteinbauer bei Reparaturarbeiten die permanente Leichenverbrennung unter freiem Himmel und dürften zwei Monteuren der Firma Topf, Holik und Koch, darüber berichtet haben, wenn diese es nicht ohnehin selbst sahen. Der Topf-Monteur Messing notierte, wie Pressac mit einer Kette von Indizien plausibel macht, in seiner Arbeitszeitbescheinigung am 15. März Arbeiten in einem "Auskleidekeller", nachdem er die ersten Leichen im Gas ermordeter Juden - sie stammten aus Oberschlesien - im neu in Betrieb genommenen Krematorium II vorgefunden hatte. Ein Vorarbeiter der Firma Riedel notierte am 2. März als Arbeitsleistung "Fußboden betonieren in Gasskammer". Auch außerhalb des Lagers Auschwitz wußte man Bescheid, nur das genaue Tötungsmittel kannte man nicht. Eine Bahnlinie verlief durch das Gelände des Konzentrationslagers, und Reisende wiesen einander auf die Rauchsäulen und den manchmal zu erkennenden Widerschein des Feuers hin. Am 15. Juni 1943, nach einem persönlichen Besuch in Auschwitz nach Inbetriebnahme der Krematorien beschwerte sich der Chef der Inspektion der Konzentrationslager, Richard Glücks, die "Sonderbauten" sollten besser dort stehen, wo sie "nicht von allen möglichen Leuten begafft werden" könnten. Begrenzte Tarnmaßnahmen zum Verdecken der Sicht ergriff man jedoch erst 1944. Bei einem Besuch in Auschwitz am 29. Januar 1943 erlangte Prüfer für sein Unternehmen weitere Aufträge für Lastenaufzüge, Entwesungsöfen und eine Müllverbrennungsanlage im Wert von 90.000 RM. Die Aufzüge, die die Huta nicht hatte beschaffen können, besorgten Topf & Söhne von der benachbarten Erfurter Firma Gustav Linse. Die Topf wurde möglicherweise als Mittler benutzt, weil damit vor der anderen Firma der genaue Zweck geheimgehalten werden konnte. Da man in der Abteilung Lüftungsbau bei Topf glaubte, das Blausäuregemisch in den Gaskammern könne metallische Gebläse korrodieren, kam man in der Firma auf die Idee, ein Holzgebläse einzubauen, um Störungen zu vermeiden. Am 19. Februar 1943 schlug Prüfer der Zentralbauleitung außerdem vor, warme Abluft in den "Leichenkeller 1" des Krematoriums II zu leiten. Das zeigt nicht nur, daß er wußte, daß es sich nicht wirklich um einen Leichenraum handelte - einen solchen zu beheizen ist widersinnig -, sondern er versuchte die Gastötung zu optimieren und zu beschleunigen, denn das Zyklon B ging erst bei 27 o C in den gasförmigen Zustand über. Bei seinem Besuch am 29. Januar hatte Prüfer außerdem den Zuschlag für den Bau eines anscheinend von ihm selbst entwickelten, später nicht realisierten offenen "großen Ring-Einäscherungsofen[s]" unter freiem Himmel mit dem ungeheuren Durchmesser von 48 Metern erhalten. Zwischen März und Juni 1943 wurden die Krematorien II bis V in Betrieb genommen, wegen teils auf Konstruktionsfehler zurückzuführender Funktionsmängel aber zum Teil rasch wieder stillgelegt, Krematorium IV endgültig. Mitte 1943 kühlten sich die Geschäftsverbindungen zwischen der SS und der Firma Topf etwas ab, vermutlich weniger wegen der mangelhaften Qualität der Topf-Installationen, der schlechten Zahlungsmoral der SS, oder weil die Firma mit Rücksicht auf den Kriegsverlauf auf vorsichtige Distanz gegangen wäre. Vielmehr wurden nun immer mehr Juden auf kleinere Arbeitslager unter SS-Aufsicht verteilt, so daß die Firma Kori mit ihren kleinen Öfen wieder vermehrt zum Zuge kam, darunter auch in zwei Nebenlagern von Auschwitz. Man wollte sich nunmehr jüdische Arbeitssklaven noch aufsparen. In einem Besuchsbericht vom Mai 1943 über Auschwitz hieß es: "Bisheriger Erfolg dieser 'Umsiedlungsaktion': 500.000 Juden. [...] Die Umsiedlungsaktion älterer Art [d.h. die Ermordung auch der 'arbeitsfähigen' Juden; C.G.] wird völlig abgelehnt, da man es sich nicht leisten kann, wichtige Arbeitsenergien laufend zu vernichten." 1942 waren etwa 175.000 Juden nach Auschwitz deportiert worden, 1943 ungefähr 250.000, zwischen März und Oktober 1944 waren es jedoch wegen der Vernichtung der ungarischen Juden über 500.000 Menschen, mehr als je zuvor, von denen die Mehrzahl im Gas ermordet wurde. Dafür wurden Topf & Söhne nochmals zu Reparaturarbeiten an beschädigten Öfen und Schornsteinen sowie zum Einbau zweier Aufzüge eingesetzt. Doch reichten die Krematorien nicht aus, und zehntausende Leichen gerade Ermordeter wurden im Sommer 1944 in riesigen offenen Gruben verbrannt. Das Unternehmen Topf & Söhne hat sich am Bau der Krematorien in Auschwitz und fünf weiteren Konzentrations- und Nebenlagern und am Bau der Gaskammern in Auschwitz beteiligt. Über die Motive der beteiligten Firmenangehörigen kann man über das bisher Erwähnte hinaus infolge des mangels an Quellen wenig sagen. Kurt Prüfer erhielt zwei Prozent Provisionen von Gewinn bei den von ihm hereingeholten Aufträgen für Bauten in den Lagern, insgesamt lediglich 2.000 RM, das entspricht zwischen drei und sechs Monatsgehältern. Es ist fraglich, ob dies ein wesentlicher Antrieb für ihn gewesen ist. Karl Schultze, der Leiter der Abteilung Lüftungsbau, sagte gegenüber den sowjetischen Justizbehörden: "Wir standen in der Pflicht, gegenüber der SS, der Firma Topf und dem NS-Staat." Ich bezweifle, daß das Agieren dieser Männer mit dem Begriff "Pflicht" adäquat zu fassen ist. Anscheinend handelte es eher sich um eine Mischung aus betrieblichen Interessen, fachlichem Ehrgeiz und Einverständnis mit den Zielen der deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg, ob sie sich nun gegen politisch und rassisch Verfolgte, sowjetische Kriegsgefangene oder speziell Juden richtete. Pressacs Thesen über Bedenken oder betretene Stimmung im Unternehmen wegen des mutmaßlichen Bekanntwerdens der Verbrechen in Auschwitz sind Spekulation. Als die SS im Dezember 1944 und Januar 1945 Pläne entwickelte, ein riesiges Krematorium für eine Vernichtungsstätte mit Gleisanschluß bei Mauthausen zu errichten, erklärte sich die Topf zur Mitarbeit bereit, vorausgesetzt, die Anlagen würden dorthin von Auschwitz überführt. Tatsächlich ist ein Teil der dortigen Belüftungsanlagen noch nach Mauthausen transportiert worden, ehe die SS die Krematorien in Auschwitz sprengte. Ein Zweimuffelofen, der allerdings nicht aus Auschwitz stammte, wurde tatsächlich noch im Krankenbau von Mauthausen aufgestellt, und Ingenieur Schultze besichtigte das Lager im Januar 1945. In Mauthausen starben von Januar bis April 1945 zwar 26.000 Häftlinge, doch das genügt nicht, um die Frage zu beantworten, wer dort 1945 eigentlich noch die Opfer hätten sein können, die für ein derart großes Krematorium bestimmt sein konnten. Die Firmen halfen der SS dabei, technisch anspruchsvolle Bauprojekte durchzuführen, die durchzuführen die SS-Bauleitungen nicht fähig waren. Sie trugen damit zur Organisierung und Beschleunigung der Massenmorde bei, so etwa auch die erwähnte Firma Gaubschat aus Berlin, die den Bau von zehn Gaswagen durch den Einbau von schwer zu bestellenden Kippvorrichtungen im April 1942 für mindestens 18 Monate hätte verzögern können, das Reichssicherheitshauptamt aber stattdessen auf seinen Fehler mit den Worten hinwies, daß dem Auftraggeber damit "sicherlich nicht gedient" sei. Sie beteiligte sich auch an der Diskussion um die Verkleinerung des Aufbaus dieser Wagen, um den Mordvorgang dadurch zu beschleunigen. Bei alldem führten die beteiligten Männer ein ausgesprochen bürgerliches Leben. Ich möchte an dieser Stelle stellvertretend den sowjetischen Schriftsteller Boris Polewoj zitieren, der im Januar 1945 als einer der ersten nach der Befreiung von Auschwitz die Wohnung des Lagerkommandanten Höß besuchte: "Überrascht hatten wir festgestellt, daß einer der größten Verbrecher des deutschen Faschismus, der Millionen Menschen auf dem Gewissen hatte, das bescheidene Leben eines Durchschnittsbürgers führte: saubere Zimmer, Schonbezüge auf den gebrauchten Möbeln, bestickte Decken auf Sofa und Sesseln. An den Wänden lehrhafte Sentenzen, wie "Mit Gott bist du geboren, mit Gott lebe dein Leben", "Eile nicht, jeder Schritt bringt dich dem Grabe näher" [...]. Ein Teddybär aus Plüsch in der Sofaecke, ein Stoß Markenalben, eine Kuckucksuhr, eine Sammlung von Steingutbierkrügen. Alles in allem eine bescheidene Einrichtung für einen Millionenhenker. Vom Fenster aus konnte er zwischen blühenden Geranien die Reihe der Tag und Nacht qualmenden viereckigen Schornsteine des Riesenkrematoriums sehen." Dank Jean-Claude Pressacs Indizienbeweis scheint ziemlich sicher, daß es im Dezember 1942 sogar eine Art Streik der in Auschwitz eingesetzten Zivilarbeiter gegeben hat - das heißt vor allem deutscher Vorarbeiter, darunter zwei von Topf, und polnischer Arbeiter. Grund war jedoch keineswegs Widerstand gegen die Vernichtungspolitik, sondern die Männer wollten einen Weihnachtsurlaub trotz einer Lagerquarantäne wegen Fleckfiebers durchsetzen. Die Gestapo griff ein und - die Forderung der Zivilarbeiter wurde erfüllt, obwohl das die Arbeiten am Krematorium für zwei Wochen aufhielt. Abschließend sollte man, glaube ich, noch etwas zum Verhältnis von "Holocaust und Moderne" hinzufügen. Auschwitz und das Lager Auschwitz-Birkenau bildeten zu keinem Zeitpunkt eine reibungslos arbeitende Vernichtungsmaschinerie oder "Todesfabrik". Das schwerwiegende historische Ergebnis von Auschwitz war der Mord an etwa einer Million zumeist jüdischer Menschen, aber dieser war nicht von Gründung des Lagers vorgezeichnet, und gerade die Geschichte des Vernichtungslagers in Birkenau war auch eine Kette von Improvisationen, fallengelassenen oder unerfüllbaren Planungen, ständigen Schäden und Störungen und nicht zuletzt von Pfusch am Bau. Das gab den über den Zweck der Bauten ständig auf dem Laufenden gehaltenen Firmen fortwährend Gelegenheit, Optimierungen vorzuschlagen - in Wahrheit grausige Optimierungen. Die Geschichte des Vernichtungslagers Auschwitz war auch eine Geschichte des Mangels. Die Zuweisung von Metallen beispielsweise für den Bau von Krematorien und Gaskammern hatten eben nicht per se Vorrang vor allem anderen; die Zuführung von Bauteilen scheiterte immer wieder monatelang an Transportproblemen; Spezialteile und -geräte waren oft nicht zu beschaffen; manche Anträge bleiben lange unbearbeitet liegen, oder Firmen hatten andere Aufträge zu erledigen; die Lagerleitung in Auschwitz beklagte sich bei Himmler über das schlechte SS-Personal; und im Sommer 1944 mangelte es sogar an Gas zum Morden. Die Krematorien, an denen die Firma Topf & Söhne mitbaute, funktionierten die meiste Zeit nicht. Das alles ändert nichts am Resultat, aber es ändert doch das Bild von Auschwitz. Ist das moderne Barbarei oder nicht eher archaische Barbarei, wenn viele Kinder 1944 lebendig in die Öfen geworfen, auch Erwachsene lebendig in die brennenden Gruben gestoßen wurden? Wenn man Zehntausende verhungern ließ? Instrumentelle Vernunft war in Auschwitz am Werk; die Arbeitsteilung funktionierte oft, oft auch nicht; moderne Bürokratie herrschte in so gut wie allen Gesichtspunkten in Auschwitz, aber sie war den "Machern" vielfach eher hinderlich; staatliche Planung, eine staatliche Vernichtungspolitik und ihre Verbindung mit Unternehmensinteressen lagen unzweifelhaft vor. Von einem Handeln der Beteiligten aus Pflichterfüllung kann man, ich deutete es schon an, höchstens bedingt sprechen, und der Pflichtbegriff war ein anderer als heute, er ist nicht sinnvoll von politisch-ideologischen Überzeugungen zu trennen. Ich glaube nicht, daß irgend jemand in Auschwitz ohne Haß mordete. Elemente der "Moderne" spielten in Auschwitz eine Rolle, doch es ergibt sich ein gebrochenes, kein klares Bild. Auschwitz bedeutete keinen Zivilisationsbruch oder "Rückfall", aber der Gebrauch des Begriffs "Moderne" in diesem Zusammenhang erscheint unter bestimmten Gesichtspunkten problematisch. Jedoch ist, das bleibt hinzuzufügen, "Auschwitz" nicht gleich "der Holocaust". Etwa die Hälfte der Opfer der deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg waren Juden. Annähernd jeder sechste der ermordeten jüdischen Menschen wurde in Auschwitz umgebracht. Knapp jeder zweite ermordete Jude wurde überhaupt mit Gas getötet. Auschwitz war das Lager, in dem die meisten Juden aus Deutschland, aus West-, Mittel- und Südosteuropa ermordet wurden, und mehrere tausend haben überlebt, deshalb steht es im Mittelpunkt des Interesses. Wer spricht von Treblinka, wo fast ebensoviele Menschen ermordet wurden, aber eben polnische Juden. In Belzec gab es zwei Überlebende, die Ende der vierziger Jahre auch verstarben - zwei von mindestens 600.000. Wer spricht von Belzec? Sicherlich ist Auschwitz ein Symbol, aber man muß doch fragen, wofür dieses Symbol oder diese Metapher wirklich sinnvoll stehen kann. |