Konzeptpapier
Was geschieht mit der Brache des Krematorienherstellers Topf & Söhne?
J.A. Topf & Söhne - ein deutscher Handwerksbetrieb mit langer Ofenbau-Tradition - entwickelte gemeinsam mit der nationalsozialistischen Administration das Krematoriensystem der Konzentrations- und Vernichtungslager. Neben den Großkrematorien wurde in Auschwitz auch an der Verbesserung der Tötungsmechanik mitgearbeitet, so daß die Firma zum zuverlässigen Mithelfer der Massenvernichtung wurde. Alle technischen Entwicklungen wurden seitens der Firma gewissenhaft dokumentiert und zum Patent angemeldet. Die Aktennachweise sind eindeutig und ohne jeden Zweifel.
Bis 1994 produzierte der Erfurter Industriebetrieb - in der Zeit der DDR als volkseigener Betrieb - im Bereich des Mälzerei- und Speicherbaus. Jetzt steht das Gelände leer und zerfällt.
Die Industriebrache eignet sich wie kaum ein anderer Ort in Deutschland als
Erinnerungsort für die Verflechtung mittelständischer Unternehmen
in die Vernichtungspolitik Deutschlands während der Zeit des Nationalsozialismus.
Hierbei gerät der technisierte Charakter der Massenvernichtung mit seinen
modernen Produktionsbedingungen, die eine Produktion von Destruktion
offensichtlich begünstigte, und die Rolle bzw. der Charakter der Arbeit
(bzw. der "Deutschen Wertarbeit") und deren Begrifflichkeit besonders in
den Blickpunkt. Dabei stellt sich auch die Frage nach den inhumanen Potenzialen
der Moderne und nach der individuellen Verantwortung für weitreichende
Folgen eines scheinbar nur sachorientierten und vordergründig unpolitischen
Handelns.
Topf & Söhne ist ein prominentes Beispiel für die Beteiligung
mittlerer Industriebetriebe an der Massenvernichtung. Gerade die mittleren und
kleineren Betriebe, die in Deutschland traditionell das Rückrat der deutschen
Wirtschaft bildeten und bis heute bilden, waren auch maßgeblich an der
Entwicklung und Errichtung der nötigen Infrastruktur für den Massenmord
beteiligt. Deshalb bilden die Einbindung der mittelständischen Wirtschaft
in die Politik der Nationalsozialisten und die Verflechtung der Erfurter
Gesellschaft mit dem Unternehmen Topf & Söhne und dessen Tätigkeit
als Teil der Erfurter Stadtgeschichte zwei weitere wichtige Felder der Auseinandersetzung
an einem Erinnerungsort Topf & Söhne.
Die Bedeutung dieses Ortes ergibt sich nicht aus einer Besonderheit und Authentizität der hier statt gefundenen Ereignisse, sondern aus seiner beispielhaften Banalität, seiner repräsentativen Durchschnittlichkeit, die große Teile der Vernichtungsmaschinerie im Detail ausmachten und seiner Nähe zur alltäglichen Lebenswelt. Nicht nur die Ausgrenzung, die Enteignungen, die Deportationen fanden ganz in mitten des deutschen Alltages statt, auch die Planung, Entwicklung und Herstellung der nötigen Technik zur Ermordung und Beseitigung der Opfer gehörten zum normalen Arbeitsalltag der Deutschen. Die NS- Eliten und insbesondere die NS-Ingenieure selbst waren sowohl organisatorisch als auch technisch nicht in der Lage, das Projekt Holocaust in Eigenregie durchzuführen. Daher mußten sie bei der Realisation auf die enge Zusammenarbeit mit deutschen Zivilunternehmen bauen. Bei Topf & Söhne treffen wir nicht auf die ideologischen Führer des Massenmordes, sondern auf Vertreter der Gruppe der willigen Helfer, Mitläufer und Mittäter, die aus zum Teil völlig unterschiedlichen Motiven die Ziele der Nationalsozialisten unterstützten.
Wie kann ein solcher Ort markiert, und wie kann ein öffentlicher Diskurs über die Geschichte der hier einst ansässigen Firma so geführt, d.h. so inszeniert werden, daß an ihm Geschichte erfahrbar und eine lebendige und kontinuierliche Auseinandersetzung möglich wird?
Diese Frage ist Gegenstand der Arbeit des Förderkreises, der sich zur Aufgabe gemacht hat, den Ort Topf & Söhne in Erfurt für eine Erinnerungsarbeit zu erschließen.
Der Förderkreis hat nach eingehender fachkompetenter Beratung folgende Kriterien zu Realisierung eines Erinnerungsortes Topf & Söhne erarbeitet:
Ein Erinnerungsort, der den obigen Überlegungen Rechnung trägt, muß
mindestens drei elementare Teile aufweisen:
eine Wissenschaftliche Aufarbeitung und Dokumentation der Firmengeschichte
die Sicherung und Öffnung von Teilen des historischen Ortes für
Ausstellungs- und/oder Dokumentationszwecke
eine "Erinnerungswerkstatt", die den Ort zugänglich macht und eine
lebendige Auseinandersetzung mit den genannten Themen ermöglicht sowie
die dazu benötigten personellen (Personalstelle) und materiellen (Projektmittel)
Voraussetzungen.
Ad1. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der Firma Topf &
Söhne, sowie ihre Verflechtung mit dem nationalsozialistischen Vernichtungssystem
fand bisher nur unzureichend statt. Daher muß dies unverzüglich in
die Wege geleitet werden. Eine Dokumentation zeigt die Firmengeschichte von
Topf & Söhne vor allem auch unter der besonderen Berücksichtigung
der oben genannten inhaltlichen Schwerpunkte. Hierzu gehört beispielsweise
auch die Berücksichtigung der Reflexionsgeschichte in Erfurt nach 1945.
Ad2. Der historische Ort im Sorbenweg soll in soweit gesichert und markiert
werden, daß die Möglichkeit einer auf den Ort bezogenen Geschichtsarbeit
langfristig bestehen bleibt. Eine wesentliche Veranschaulichung bieten zwei
Räume im ehemaligem Verwaltungsgebäude, nämlich ein Zeichensaal
und ein vermutlich von der Firmendirektion genutzter Raum. Diese beiden Räume
sollen gesichert und öffentlich zugänglich gemacht werden. Das übrige
Gebäude sowie das gesamte Gelände soll einer Neunutzung zugeführt
werden.
Ad3. Eine solche Markierung des Ortes kann im Alltag nur dann Relevanz gewinnen,
wenn gleichzeitig eine Hinführung zu Ort und Thema innerhalb des städtischen
Lebens gewährleistet werden kann. Eine "Erinnerungswerkstatt" mit den Werkzeugen
von Pädagogik, Kultur und Bildung ist daher das dritte Standbein eines
Erinnerungsortes Topf & Söhne. Hierzu bedarf es Raum, Koordination
und Projektmittel.
Zudem soll ein Erinnerungsort Topf & Söhne jedwede ideologische Festlegung vermeiden und konkurrierende Lesearten des Ortes ermöglichen.